Weimarer Republik


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Die Dolchstoßlegende


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Einleitung

Die Dolchstoßlegende war während der Weimarer Republik in weiten Teilen des konservativen Bürgertums die Erklärung, weshalb Deutschland den Weltkrieg, der nicht nur im rechten politischen Spektrum als gerechter Verteidigungskrieg angesehen wurde, verloren hatte. Im wesentlichen hat die Legende zum Inhalt, daß das im Felde unbesiegte deutsche Heer im November 1918 von der revolutionären Heimat von hinten erdolcht worden sei. Das Schlagwort vom Dolchstoß in den Rücken des unbesiegten Heeres wurde im November 1919 durch den Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsidenten Hindenburg im Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung erstmals publikumswirksam geäußert. Fortan bestimmte dieses Schlagwort die innenpolitische Auseinandersetzung und die Reden im Reichstag.

Die Dolchstoßlegende, durch die in erster Linie die Linksparteien, aber auch die Parteien der Mitte beschuldigt wurden, durch Revolutionierung der Arbeiterschaft, der Marine, des Feldheeres, als auch durch den Defätismus die Niederlage verschuldet zu haben, wurde gleich zu Beginn des neuen, demokratischen Staates von völkischen, antisemitischen Gruppen aufgegriffen und erhielt von diesen einen gefährlichen antisemitischen Inhalt, der besagte, daß die Juden in konspirativer Weise sich der deutschen Revolution bedient hätten, um Deutschland den Westmächten auszuliefern, seine Wehr- und Wirtschaftskraft auf ewig zu schwächen und seine Kultur der westlichen Zivilisation preiszugeben. Die Waffenstillstandsbedingungen, besonders aber der Versailler Diktatfriede sei nur zustande gekommen, weil die Revolution das deutsche Volk wehrlos gemacht habe. Die "Novemberverbrecher", hierrunter zählten die Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommen,als auch all diejenigen, die die Republik ausgerufen bzw. die Revolution betrieben hatten. Sie alle wurden für Deutschlands militärische und politische Ohnmacht, die beginnende Inflation und das Elend, das herrschte, verantwortlich gemacht. All diese Beschuldigungen wurden sowohl von den Linksparteien - MSPD, USPD und KPD -, als auch von den bürgerlichen Parteien der politischen Mitte, des Zentrums und durch die Deutsche Volkspartei, zurückgewiesen. Eine klare Zurückweisung der Dolchstoßlegende an die nationalistische Rechte erfolgte von den Parteien der Weimarer Koalition jedoch oftmals nur dann, wenn eine dieser Parteien bzw. ihrer Repräsentanten Ziel dieser Angriffe war. Manche Parteimitglieder der SPD und des Zentrums bezogen, wenn nicht sie, sondern die revolutionäre Linke gemeint war, gegenüber der Dolchstoßlegende eine ambivalente Position. Nicht selten wurde der Vorwurf des Dolchstoßes von den bürgerlichen Parteien, als auch von Vertretern des rechten Flügels der SPD an die Spartakusgruppe bzw. die KPD weitergegeben, womit die Behauptung, das Heer sei von hinten erdolcht worden, mehr oder weniger als richtig anerkannt wurde. Eine besondere Position zur Dolchstoßlegende bezog die Spartakusgruppe, die KPD und USPD, die einerseits die schwere Anschuldigung der Rechten zurückwies, sich andererseits aber stolz zur Revolution bekannte und behauptete, die Revolution habe den imperialistischen Krieg liquidiert. Dieses wohl erstmals vom russischen Volkskommissar Tschitscherin geäußerte Argument ist die Dolchstoßlegende unter anderem Vorzeichen. Es führte dazu, daß die nationalistische Rechte sich mit den Argumenten der Linken versorgen konnte, um so die Richtigkeit der Dolchstoßlegende zu belegen.

In den meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach 1945 gilt die Dolchstoßlegende als widerlegt. Die Kausalität, die Revolution habe zur Niederlage geführt, wurde umgekehrt in die Behauptung, die Revolution sei eine Folge des verlorenen Krieges gewesen. Sie sei ausgebrochen aufgrund der allgemeinen Erschöpfung sowohl in der Heimat als auch an der Front. Dabei werden die Revolutionsbestrebungen der Linken, die nicht erst seit November 1918 aktiv waren, sondern von Anfang an den Burgfrieden in einen Burgkrieg, wie Liebknecht es nannte, umwandeln wollten, keineswegs unterschlagen. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß es das eine sei, etwas zu wollen, und das andere, auch nachweislich das Gewollte erreicht zu haben. Allein die Tatsache, daß die Revolution stattgefunden habe, sei noch nicht der Beweis, daß sie auch auf die Umsturzbestrebungen der Linken zurückzuführen sei. Zudem wird von manchen Historikern als auch damaligen Zeitzeugen, wie etwa Kurt Tucholsky bezweifelt, ob es 1918 überhaupt eine Revolution gegeben habe, oder ob es sich hier nicht eher um einen von der Rechten und natürlich auch von der Linken aufgebauten Mythos handle, der den einen als Zwecklüge diene und den anderen zur Legitimation ihres Machtanspruchs.

Das Gefährliche der Dolchstoßlegende war nicht allein die die Geschichte fälschende Lüge, sondern die rhetorische Waffe, die sie darstellte, mit der der politische Gegner durch Diffamierung vernichtet und das gesamte Systembeseitigt werden sollte. Die Geschichtslüge führte in erheblichem Maße zur Spaltung der Gesellschaft und verhinderte die Konsensbildung, die notwendig gewesen wäre, um die junge Demokratie durch Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu festigen. Von Anfang an wurde der neue Staat von den Nationalisten mit dem Stigma des Verrats an der deutschen Sache, der deutschen Ehre und dem deutschen Volke belastet.

Ein Untersuchungsbereich ist, wie die Dolchstoßlegende durch die Rechten zur Zerstörung der Demokratie aufgebaut und genutzt wurde. Ein anderer Aspekt ist, in wieweit sie ideologisch die Machtergreifung der Nationalsozialisten unterstützt hat, und wie die Nazis die Geschichtslüge ihrerseits zur Vernichtung ihrer Gegner, im Besonderen aber der Juden, genutzt haben. Ein weiterer Aspekt ist die Liquidierung des Versailler Vertrags und das Rückgängigmachen seiner bereits politisch anerkannten Paragraphen, sowie die Dolchstoßlegende als Vorbereitung für den Revanchekrieg. In der unmittelbar nach dem Krieg erscheinenden Literatur wird der Zweite Weltkrieg auch als die Widerlegung der Dolchstoßlegende, die bis dahin nur vor dem Untersuchungsausschuß, in verschiedenen Beleidigungsprozessen während der Weimarer Republik und vor einem Münchener Gericht (Dolchstoßprozeß) verhandelt worden war, vor der Geschichte betrachtet.

Somit hat die Dolchstoßlegende, als die die Geschichte verfälschende Zwecklüge, ihrerseits die Geschichte auf das nachhaltigste geprägt. Der Zusammenhang von Dolchstoßlegende und Holocaust wird in der Literatur nicht hinreichend behandelt. Es wird in den meisten Veröffentlichungen wohl auf den antisemitischen Charakter der Legende hingewiesen, jedoch ohne seine Funktionalität darzustellen.

Die Autoren Petzold und v. Gaertringen haben herausgestellt, daß es verschiedene Typen der Dolchstoßlegende gab. Petzold unterscheidet zwei Hauptrichtungen , eine, die er die wissenschaftlichen nennt und die im wesentlichen auf den militärischen Sachverständigen basiert und die andere, die ein antisemitisches oftmals pathologisches Gepräge hatte und die dazu hätte führen können, die Dolchstoßlegende, bei jedem, der den Ersten Weltkrieg miterlebt hatte, als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Diese beiden Hauptrichtungen hat auch v.Gaertringen herausgestellt. Nur ist er im Gegensatz zu Petzold von der Wissenschaftlichkeit, das heißt vom Wahrheitsgehalt, des ersten Typus überzeugt, während er den anderen als nationalsozialistisch überformt disqualifiziert. Mit diesen beiden Autoren, Petzold und v. Gaertringen, die beide zu Anfang der sechziger Jahre veröffentlichten, ist das ideologische Feld der wissenschaftlichen Auseinandersetzung von links bis rechts abgesteckt. Als bedeutender Beitrag zur Dolchstoßlegende aus liberal bürgerlicher Sicht darf wohl Annelise Thimmes Monographie: Flucht in den Mythos angesehen werden, in der sie belegt, wie die Dolchstoßlegende zur Verteidigungsstrategie der alten Machteliten gehört und das Ziel der Errichtung eines autoritären Staatswesens verfolgt.

Die hier vorliegende Arbeit wird sich hauptsächlich auf die Instrumentalisierung der Dolchstoßlegende während der Weimarer Republik beschränken und dabei größtenteils den Untersuchungsausschuß und die Kommentierung seiner Ergebnisse in der Presse, die verschiedenen Beleidigungsprozesse - Ebertprozeß, Helfferich-/ Erzbergerprozeß - und den Münchener Dolchstoßprozeß behandeln. Die Behandlung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses soll zeigen, wie die Dolchstoßlegende aufgebaut wurde. Die Beleidigungsprozesse sollen exemplarisch vorführen, wie diese Legende gegen Personen eingesetzt und der Dolchstoßprozeß in München, wie die Legende, wenn auch halbherzig, widerlegt wurde. Aus einer Gesamtbewertung soll dann jedoch der Frage nachgegangen werden, wieso trotz Widerlegung der Legende, ein Großteil der Bürger ihr weiterhin anhingen. Eine Untersuchung der Dolchstoßlegende für die Zeit der NS-Herrschaft wird nicht vorgenommen, da die Nazis sie nicht mehr zu entwickeln brauchten, sondern sich der Legende inhaltlich bedienen konnten, ohne sie überhaupt beim Namen zu nennen. Wie die Nazis den Stoff der Legende genutzt und umgesetzt haben, würde über den Umfang dieser Arbeit hinausgehen. Diese Arbeit stützt sich auf die bereits erwähnten Autoren, die Veröffentlichungen des Deutschen Reichstags zum Untersuchungsausschuß, Dokumentensammlungen, sowie auf verschiedene Zeitungen, die das gesamte politische Spektrum abdecken.

Die Rekonstruktion der Verhandlungen des Untersuchungsausschusses wird dazu genutzt, anhand des Quellenmaterials die historisch wichtigen Zusammenhänge aufzuführen, sofern sie innerhalb der Auseinandersetzung um die Dolchstoßlegende für die politische Instrumentalisierung von Bedeutung sind.

Teil I der Arbeit dient der begriffsgeschichtlichen Darstellung.
Teil II referiert den Forschungsstand, gibt einen Überblick über die vielfältigen Erscheinungsformen der Dolchstoßlegende und führt allgemein in die Dolchstoßproblematik ein. Dieser Teil basiert auf Literatur, die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist und somit über den hier gesetzten Zeitrahmen, Weimarer Republik, hinausweist, im Gegensatz zu
Teil III, in dem größtenteils die Dolchstoßlegende aus der Sicht der zwanziger Jahre, bzw. jener Nachkriegsjahre dargestellt wird. Dieser Teil behandelt ausführlich die Auseinandersetzung um die Dolchstoßlegende, ihre Darstellung und Instrumentalisierung anhand der Berichte des Untersuchungsausschusses und verschiedener Zeitungen.

benutzte Literatur

1.) H. Michaelis, E. Schraepler, G. Scheel [Hg.], Ursachen und
Folgen: Vom dt. Zusammenbruch 1918 und 1945, Band 4,
2.) Annelise Thimme, Flucht in den Mythos
3.) Hiller v.Gaertringen, Geschichte und Gegenwartsbewußtsein 4.) Heide Barmeyer, Geschichte als Überlieferung und Konstruktion
5.) Hans Booms, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
6.) H.Schröder, Das Ende der Dolchstoßlegende