Weimarer Republik


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Dogma der Unzufriedenen von: Hans-Jörg Koch

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Die Dolchstoßlegende


Hauptteil I


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I. Klärung des Begriffs und geschichtliche Entstehung

Die Dolchstoßlegende hat zum Inhalt: Das unbesiegte deutsche Heer sei durch die Heimat von hinten erdolcht worden. Diese sehr einprägsame Formulierung, die die Gründe für den militärischen Zusammenbruch in einem Schlagwort zusammenfaßt, wurde von Hindenburg am 18. November 1919 im Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung geäußert. Dabei bezog sich Hindenburg auf einen nicht näher genannten "englischen General", der dies gesagt haben soll. Dieser "englische General" wurde für die Richtigkeit der Aussage angeführt wie ein Kronzeuge, mit dem impliziten Argument: '... wenn es der Feind selbst sagt, muß es wohl stimmen'.

Die Dolchstoßlegende beinhaltet zwei wesentliche Aussagen:
Das deutsche Heer sei trotz drückender Überlegenheit des Gegners nicht besiegt worden und zweitens: Revolutionäre Kräfte der Heimat hätten den Dolchstoß wie Meuchelmörder heimtückisch von hinten gegen dieses Heer geführt. Dieser Anschlag, so ist die Intention des Schlagworts, habe die Deutschen wehrlos gemacht und an die Entente zu deren Friedensbedingungen ausgeliefert. Da der Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigung im Wesentlichen mit der Aussage des "englischen Generals" begründet schien, wurde diese Aussage zum Gegenstand der Geschichtsforschung. J. Petzold nennt zwei Generale, die aufgrund verschiedener Quellen infrage kamen: Sir Frederick Maurice und Sir Neil Malcolm. Eine, bei diesen Nachforschungen immer wieder von verschiedenen Autoren genannte Quelle, ist die "Neue Züricher Zeitung". Dieses Blatt, so sei behauptet worden, habe in ihrer Ausgabe Nr. 1675 vom 17. Dezember 1918 das "Schlagwort vom 'Dolchstoß der Heimat'" erstmals gebracht und sich dabei auf General Maurice bezogen. "Nachprüfungen ergaben jedoch, daß Maurice in keinem Artikel von einem 'Dolchstoß der Heimat' gesprochen hatte." 1922, so Petzold, wurde ein Dementi des Generals durch Oberst Schwertfeger, einem der Sachverständigen des Untersuchungsausschusses, verbreitet. Darin hieß es:

'Ich habe niemals an irgendeiner Stelle der Meinung Ausdruck verliehen, daß der Kriegsausgang, so wie er sich abspielte, der Tatsache zu verdanken sei, daß das deutsche Heer von dem deutschen Volk rückwärts erdolcht worden sei. (...) Im Gegenteil habe ich immer die Meinung vertreten, daß die deutschen Heere an der Westfront am 11. November 1918 aus militärischen Gründen eines weiteren wirksamen Widerstandes nicht fähig waren. Ich habe gesagt, daß wenn man den deutschen Heeren Zeit gelassen hätte, sich zu erholen, diese dann wahrscheinlich den Kampf noch verlängert haben würden, daß aber ihre endliche Niederlage unvermeidlich war'." (Petzold S.25)

Der General dementierte nicht nur das Schlagwort gebraucht oder entwickelt zu haben, sondern er lieferte auch gleich die inhaltliche Widerlegung der Dolchstoßlegende. Dennoch hielt sich, so Petzold, die Legende hartnäckig in der öffentlichen Meinung als Erklärung für den Kriegsausgang. Der andere, General Malcolm, wird als Urheber des Schlagwortes erstmals von S. Kaehler erwähnt, der sich seinerseits auf Lindley Fraser bezieht. Fraser, während des Zweiten Weltkriegs Kommentator der BBC für die deutschen Hörer, berichtet von einer Begegnung zwischen Ludendorff und Malcolm in Berlin. Dort habe Ludendorff dem General die Gründe für die deutsche Niederlage von 1918 dargelegt und dieser habe dann Ludendorffs Ausführungen interpretierend auf den Punkt gebracht:

"'Wollen Sie damit sagen, General Ludendorff, fragte er skeptisch, 'dass man Ihnen einen - Dolchstoss in den Rücken versetzt hat?' ("'you mean that you were stabbed in the back?'"). Ludendorffs Auge leuchtete auf, als er diesen Ausspruch hörte. 'Das stimmt', schrie er, 'man hat uns einen Dolchstoss in den Rücken versetzt, einen Dolchstoß in den Rücken!'." (Kaehler S.20))

Da Fraser seinerseits wieder als Quelle Wheeler-Bennets Publikation "Hindenburg the Wooden Titan" angibt, hat Petzold Zweifel an der Solidität der Quellen bekommen und die vagen Zeitangaben, mit denen das Treffen von Ludendorff und Malcolm angegeben werden, mit Ludendorffsbiographischen Daten verglichen. Petzold glaubt herausgefunden zu haben, daß Ludendorff zudem Zeitpunkt, als das Gespräch in Berlin hätte stattfinden müssen noch in Schweden im Exil gewesen sei und kam zu dem Schluß, daß "die Berufung auf einen englischen General als Erfinder der Dolchstoßlegende (sich) in jeder Hinsicht als Irreführung erwiesen (habe)." Das Gespräch zwischen Ludendorff und dem General habe frühestens im "Frühsommer" stattfinden können. Die "Deutsche Tageszeitung" und die "Neue Züricher Zeitung" brachten aber bereits am 17. Dezember 1918 zeitgleich das Bild vom Dolchstoß in den Rücken der deutschen Armee.

Auf die "Neue Züricher Zeitung" verweist auch H. Barmeyer. Dort heißt es: Der Londoner Korrespondent des Blattes habe dieses Schlagwort einem "englischen General zur Charakterisierung der deutschen November-Situation in den Mund gelegt." Hans Mommsen verweist ebenfalls auf diese Zeitung, dann aber auch auf Generaloberst Ludwig Beck, der sich diesbezüglich bereits "Ende November 1918" mit der Absicht, die Geschichte zu verfälschen, geäußert habe.

H. v. Gaertringen, der bemüht ist, einen Kernbestand der Dolchstoßlegende als wahr zu erweisen, zitiert ebenfalls Beck und verweist zudem auch auf die "Neue Züricher". Allerdings wird Beck bei v. Gaertringen im Rahmen eines Beweisverfahrens für einen "wahren" Kern der Legende zitiert.

"'Im schwersten Augenblick des Krieges ist uns die - wie ich jetzt keinen Moment mehr zweifle - von langer Hand vorbe- reitete Revolution in den Rücken gefallen.'[Während Mommsen nur bis hier zitiert, um die Ungeheuerlichkeit der Ge- schichtslüge zu benennen, zitiert v. Gaertringen Beck weiter, um den Kernbestand der Dolchstoßlegende als wahr zu erweisen] über die historische Wirkung dieser Tat sagt er nach einer sehr nüchternen Beurteilung der Lage: 'Aber eines hätten wir noch gekonnt bei voller Mitarbeit der Heimat: uns auf einer kürzeren Linie - sei es Antwerpen-Metz oder Lüttich-Metz - erneut unseren Gegnern vor die Wahl stellen, ob er gleich Frieden machen wollte oder den Krieg noch bis 1919 verlängern.'" (v. Gaertringen S.126)

Dieses Argument wird jedoch von Fraser widerlegt, der darauf verweist, daß dieser Gedanke vom eigentlichen Urheber der Dolchstoßlegende, von Ludendorff, stammt, und damit das "Täuschungsmanöver" der Dolchstoßlegende argumentativ einleitet. In diesem argumentativen Zusammenhang führt v. Gaertringen dann jedoch weitere, frühe Quellen von Dolchstoßäußerungen an, so Max Weber, der "die Revolution verurteilte, weil sie "Deutschland die Waffe aus der Hand geschlagen', dadurch die amerikanische Hilfe für Frankreich entbehrlich gemacht und damit Wilsons mäßigenden Einfluß ausgeschaltet habe." In einer Fußnote erwähnt dieser Autor dann auch General v. Thaer, der in seinen Tagebüchern Friedrich Ebert und den Januarstreik von 1918 mit der Dolchstoßlegende in Verbindung bringt, jedoch mit dem Hinweis, daß diese "Eintragung von der Jahreswende 1918/19" wohl 1926 nachträglich eingetragen worden sei. Als früheste "öffentliche Äußerung über einen Dolchstoß hat er Ernst Müller-Meiningen von der Fortschrittspartei ausgemacht, der sich diesbezüglich in einer Versammlung in München, in der auch der Sozialist und Pazifist, Kurt Eisner, anwesend war, am 2. November geäußert habe: "'Solange die "äußere Front hält, haben wir die verdammte Pflicht zum Aushalten in der Heimat. Wir müßten uns vor unseren Kindern und Kindeskindern schämen, wenn wir der Front in den Rücken fielen und ihr den Dolchstoß versetzten.'" Eine Äußerung, die sinngemäß am folgenden Tag in den "Münchener Neuesten Nachrichten" widergegeben wurde.

In der Diskussion um den Wahrheitsgehalt der Dolchstoßlegende hat die Frage wer, wann, wo zum ersten Mal das Schlagwort vom Dolchstoß gebraucht hat, eine größere Bedeutung erlangt. Heute aber, wo die Dolchstoßlegende auch in ihrem "wissenschaftlich belegtem Kern", wie ihn H. v. Gaertringen in die Zeit nach 1945 retten wollte, als widerlegt angesehen werden dürfte, ist es wohl ausreichend, wenn man auf den Tag verweist, als die Legende erstmals sehr publikumswirksam geäußert wurde. Am 18.November 1919 hatte Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuß gesagt: "'Ein englischer General sagte mit Recht: 'Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.''" Dieser Satz stand in einer vorher verfaßten Erklärung, die Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuß vorgelesen hatte. Die Erklärung aber war ihm von Erich Ludendorff vorgeschrieben worden. Da dieser Sachverhalt eindeutig erwiesen ist, und da er wohl auch die größte Publikumswirksamkeit durch alle Zeitungen des Deutschen Reiches erhielt, kann man es wohl als richtig ansehen, wenn man die Dolchstoßlegende auf Ludendorff zurückführt. Daß sie auf eine so breite Akzeptanz stieß, liegt daran, daß der Gedanke, in welcher Form auch immer, schon lange vor dem 18.November 1919 populär war, wie das Zentrumsblatt "Echo der Gegenwart" vom Januar 1918 mit seiner Überschrift: "Nicht in den Rücken fallen" belegt. Das Blatt berichtet unter dieser Überschrift  über den Munitionsarbeiterstreik im Januar 1918 und warnt gleichzeitig die Arbeiter, ihren kämpfenden "Brüdern" und "Söhnen" nicht in den Rücken zu fallen. Die häufig gebrauchte Redewendung "in den Rücken fallen" ist die gedankliche Vorbereitung zur Dolchstoßlegende, die im Bild des Dolchstoßes dann ihre bildhafte, einprägsame, weil dramatisch zugespitzte Verschärfung erhielt. Das Bild war so prägnant, daß es die Deutschnationalen 1924 als Plakat zur Diffamierung der Sozialdemokratie nutzten. Es zeigte einen "Roten" mit Ballonmütze und schwarzer Augenmaske, wie er den Dolch in den Rücken des mit der Fahne scharz-weiß-rot vorstürmenden Soldaten sticht.

Literaturhinweise

1.) Joachim Petzold, Die Dolchstoßlegende,
2.) Siegfried A.Kaehler, Neuere Geschichtslegenden
3.) Lindley Fraser, Kriegsschuld und Propaganda
4.) Hans Mommsen, Die Verspielte Freiheit
5.) Erich Ludendorff, Erinnerungen
6.) "Echo der Gegenwart", Aachen (Zentrumspresse)