Weimarer Republik


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Das "deutsche Volk"
Zur Geschichte und Ideologie eines Begriffs (in bürgerlichem aber auch völkischem Kontext) Tondokument


Das 'Volk'. Zur ideologischen Struktur eines unvermeidbaren Begriffs von Kai-Uwe Hellmann

Weitere Stichworte:

Die Dolchstoßlegende


Hauptteil II


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II. Die Problematik der Dolchstoßlegende und die "Innere Front" während der Weimarer Republik; Referieren des Forschungsstands.

Die Bewertung der Dolchstoßlegende als auch die der Ereignisse aus denen heraus und vor deren Hintergrund sie entstand, ist stark zeit- und ideologiegebunden. Dies gilt für die Sachverständigen des Untersuchungsausschusses als auch für die Historiker während der Weimarer Republik und den Historikern nach 1945. Während die Geschichtswissenschaftler der Weimarer Republik die Ereignisse nicht selten unter dem Aspekt der Staatsraison behandelten, um so die Revisionspolitik der Weimarer Politiker hinsichtlich des Versailler Vertrags zu unterstützen, so kommen die Historiker nach 1945 zu völlig neuen Betrachtungsweisen und Ergebnissen, wenn sie die Dolchstoßlegende unter dem Eindruck der Nazi-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs untersuchen. Darüber hinaus gibt es nochmals unter-schiedliche Betrachtungen in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Haupttrennungslinie zwischen den Historikern spiegelt gleichsam die "Innere Front" der Weimarer Republik bis über das Jahr 1945 hinaus wider. Es ist die Trennung zwischen kommunistischer Geschichtswissenschaft, wie sie Petzold und bürgerlicher, wie sie Hiller von Gaertringen vertritt. In der unterschiedlichen Bewertung der Dolchstoßlegende zeigt sich auch wieder der Streit um die Frage, wer Schuld hat an der Spaltung der Arbeiterbewegung, am Scheitern der Revolution und letztendlich am Scheitern des ersten demokratischen Staates. Zudem muß bei der Bewertung der Geschichtsforschung nach 1945 die Existenz zweier deutscher Staaten mit zwei verschiedenen Systemen im Kalten Krieg berücksichtigt werden. Einige Historiker verweisen darauf, daß die Dolchstoßlegende nicht zu bewerten ist ohne die Beantwortung der Kriegsschuldfrage, denn es macht einen wesentlichen Unterschied, ob man dem "unbesiegten Heer" in einem Verteidigungskrieg den "Dolch in den Rücken" gestoßen hat oder in einem Eroberungskrieg.

1. Darstellung der "Inneren Front"

Die Hauptfrontlinie durch die Gesellschaft der Weimarer Republik verlief zwischen der nationalistischen Rechten und allem, was nicht nationalistisch und rechts war. Zur Rechten gehörten die Deutschnationale Volkspartei mit der Deutschkonservativen Partei, die aus der Kaiserzeit stammend in der DNVP aufgegangen war, sowie der Alldeutsche Verband, die völkischen Parteien und Gruppen und die NSDAP. Diese Parteien waren antidemokratisch und - was die DNVP betrifft - monarchistisch. In drastischer Schwarz-weiß-Malerei war für die schärfsten Polemiker unter den Nationalisten alles kommunistisch und sozialistisch, was nicht rechts war.

Eine andere, und für die Zurückweisung der von den Rechten behaupteten Dolchstoßlegende verhängnisvolle Frontlinie, verlief zwischen der revolutionären und der demokratischen Linken. Die revolutionäre Linke waren der Spartakusbund und die KPD, als auch die Revolutionären Obleute sowie größere Teile der Unabhängigen Sozialdemokraten. Von Seiten der KPD aus gehörte nahezu alles zur Bourgeoisie, was nicht revolutionär war. Aber auch innerhalb der Parteien war diese Trennungslinie zwischen rechts und links spürbar. Hier im Besonderen im Zentrum und bei den Mehrheitssozialisten. Die Frontstellung des liberalen Bürgertums war meistens die des Antibolschewismus, was sie sehr in ihrem Abwehrkampf gegen die nationalistische Rechte behinderte. Die 1920 vollzogene Wiedervereinigung der beiden sozialistischen Parteien bot der nationalistischen Rechten zudem neue Möglichkeiten die SPD mit der Dolchstoßlegende zu diffamieren, da sie nun eine ganze Reihe USPD-Mitglieder aufnahm, die in den Massenstreiks 1917 und 1918 eine aktive Rolle gespielt, und nicht wie Ebert und Genossen einen mäßigenden, auf Liquidierung der Streiks gerichteten Einfluß ausgeübt hatten.

2. Referieren des Forschungsstands zur Dolchstoßlegende und "Innere Front"
2.1 Aus kommunistischer Sicht

Derjenige, der im Rahmen dieses Themas die Frontlinien und die Überschneidungen am differenziertesten aufzeigt, ist Joachim Petzold. Er unterteilt die Parteienlandschaft in drei Gruppen: einmal die Deutschnationale Volkspartei, die völkischen Verbände und die NSDAP, dann die bürgerlichen Parteien - zu denen er auch die SPD zählt - und drittens, die revolutionäre Linke einschließlich der Pazifisten. Alles, was nicht zur revolutionären Linken zählt, rechnet er zur Bourgeoisie. Diese unterteilt er jedoch nochmals in reaktionäre Rechte und liberales Bürgertum. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal seien die verschiedenen wirtschaftlichen Interessen dieser beiden bürgerlichen Hauptgruppen gewesen.

"Die sozialdemokratische Parteiführung arbeitete in den Jahren der Weimarer Republik auf das engste mit den liberalisierenden Kreisen der deutschen Bourgeoisie zusammen. Sie stützte sich zwar auf einen großen Teil der Arbeiterschaft, aber sie vertrat nicht die Klasseninteressen des Proletariats, sondern stand auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung." (Petzold S. 79)
Dies ist die Grundperspektive, von der aus Petzold die Weimarer Parteien hinsichtlich ihrer Stellung zur Dolchstoßlegende und ihrer Instrumentalisierung sieht. Einig waren sich die ansonsten tief zerstrittenen Parteien der "Bourgeoisie" lediglich im Abwehrkampf gegen den Kommunismus. Gerade aber der vehemente Antikommunismus habe im Lager des liberalen Bürgertums und bei der konservativen SPD-Führung dazu beigetragen, daß die reaktionären, nationalistischen Kräfte ihre Chance bekamen, das demokratische System zu beseitigen und ein autoritäres zu errichten. Während die MSPD keine eindeutige Position zur Revolution bezogen habe,
"bekannte sich (die KPD) zur revolutionären Tätigkeit der Spartakusgruppe und zur Novemberrevolution und wies die Dolchstoßlegende prinzipiell als eine Verfälschung der nationalen Interessen des deutschen Volkes und als eine Verschleierung der militärischen Niederlage des deutschen Imperialismus im ersten Weltkrieg zurück." (Petzold S. 79)
Aus dem Blickwinkel des Nationalismus und Militarismus aber war das Bekenntnis der KPD zur Revolution geradezu die Bestätigung ihrer Dolchstoßbehauptung. Um die Paradoxie, einerseits die Revolution hochlobend für das Ende des imperialistischen Krieges verantwortlich zu machen, andererseits aber die Dolchstoßlegende, die genau den Inhalt dieser Aussage der Linken zum Vorwurf macht, als falsch zu erweisen, aufzulösen, argumentiert Petzold, wie insgesamt die Kommunisten, mit dem, was sie unter "nationalem Interesse" verstehen. "Volk", als auch "nationales Interesse" stehen hier inhaltlich für die Interessen des Proletariats. Umgekehrt war das Interesse der Militärs und der Imperialisten ausschließlich chauvinistisch und somit für das "Volk" schädlich, ohne daß die Mehrheit des "Volkes" dies habe erkennen können. Da aber die Armee im Dienste des "Volkes" zu stehen habe und nicht im Dienste weniger Privilegierter, war es die Aufgabe der Revolutionäre im Heer, als auch in der Heimat, diesem Treiben ein Ende zu bereiten, damit das Heer künftig die wahren Belange des "Volkes" werde verteidigen können. Da die Kommunisten prinzipiell über die Vokabel "Volk" einen Alleinvertretungsanspruch anmeldeten, kann die vom "Volk" getragene Revolution sich nicht gegen das Heer gerichtet haben, sondern gegen die, die es zu ihren Zwecken mißbrauchten. Da Petzold auch mit Nachdruck die Meinung vertritt, die Novemberrevolution sei nicht aus dem "spontanen Zusammenbruch" hervorgegangen, sondern planmäßig durchgeführt worden, sind somit alle Punkte, die die Dolchstoßlegende beinhaltet, und die die Rechte der Linken vorwirft, erfüllt. Nur über diese Argumentation des "nationalen Interesses" und des Alleinvertretungsanspruches der Kommunisten für das, was das "Volk" eigentlich will, und was für es gut ist, tritt die Behauptung, die Revolution habe den imperialistischen Krieg beendet, nicht in direkten Widerspruch zu der Behauptung, die Dolchstoßlegende sei eine die Geschichte verfälschende Zwecklüge. In seiner Argumentation des "nationalen Interesses" stellt Petzold zudem den Zusammenhang zwischen Dolchstoßlegende und Kriegsschuld der "Imperialisten" her, wenn er sagt:
"Es liegt (...) auf der Hand, daß durch die Dolchstoßlegende die nationalen Interessen des deutschen Volkes verfälscht und die revolutionäre Arbeiterbewegung diffamiert wurde; denn die Vorbereitung eines reaktionären, eines ungerechten Krieges ist ein nationales Verbrechen, der Kampf gegen einen solchen Krieg und seine Urheber aber verkörpert ein nationales Verdienst. Infolgedessen war (...) nicht die revolutionäre Tätigkeit der Linken in der deutschen Arbeiterbewegung, sondern die Kriegspolitik der deutschen Imperialisten und ihre Unterstützung durch die Sozialchauvinisten ein Dolchstoß in den Rücken des deutschen Volkes." (Petzold S. 15)
Trotz dieser Argumentation bleibt diese Form der Dolchstoßwiderlegung sehr risikobehaftet, da die nationalistische Rechte mit der Vokabel "Volk" ebenfalls Alleinvertretungsansprüche erhob. Während bei den Kommunisten gelegentlich unterschieden wird zwischen "Volk" und "Bourgeoisie" unterscheiden die Rechten zwischen "Volk", was soviel bedeutete wie Anhang oder auch imaginäres Gefolge, und "Masse", was soviel aussagt wie: anorganisch, desorientiert, fehlgeleitet und verführbar. Der Wissenschaftler Petzold hat über die ihn bindende Ideologie der SED diese Simplifizierungen mit übernommen. Die nationalistische Variante findet sich hingegen kaum in der Geschichtswissenschaft, hier wird lediglich in der Weimarer Republik bei konservativen Vertretern der "Zunft" schon mal die mangelnde Aufklärung und Mobilisierung durch Propaganda während des Krieges für den aufkommenden Defätismus verantwortlich gemacht. Ansonsten fehlt aber in der bürgerlichen Geschichtsschreibung das klare ideologische Gegenstück zu Petzolds kommunistischer Betrachtung. Die nationalistische Variante findet sich während der Weimarer Republik vorwiegend in der unwissenschaftlichen Memoirenliteratur oder in "Kampfschriften", wie etwa die des Pfarrers Münchmeyer.Trotz der kommunistischen Ideologie aber, die ganz auf der offiziellen Linie der SED zu diesem Thema liegt, ist Petzold derjenige, der mit seiner Monographie das Thema "Dolchstoßlegende" am ausführlichsten und differenziertesten behandelt hat. Petzold thematisiert besonders die Trennungslinie zwischen MSPD und Spartakus/KPD. Er greift hier besonders die konservative Führung um Friedrich Ebert an.Das Hauptproblem der MSPD, wie es von Winkler herausgestellt wird , ist, daß die Mehrheitssozialisten zur Verteidigung ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten einen gerechten Verteidigungskrieg zugrunde legen mußten. Dies und ihr Bündnis mit den Militärs führte sie in einen fundamentalen Gegensatz zu den Kommunisten, wovon ihre Position zur Dolchstoßbehauptung der Rechten nicht unbeeinflußt bleiben konnte.

"Das Bündnis zwischen Groener und Ebert (...) brachte den innenpolitischen Frontverlauf besonders sichtbar zum Ausdruck. Indem sich die SPD die antibolschewistische Losung selbst zueigen machte, schwächte sie sich im Kampf gegen rechts und nahm sich gleichsam die Möglichkeit die Dolchstoßlegende kategorisch zurückzuweisen."(Petzold S.24)
Laut Petzold diente die Dolchstoßlegende den Nationalisten dazu, zwei Ziele zu erreichen: Den Weimarer Staat und seine politischen Repräsentanten zu diskreditieren, um nach seiner Beseitigung ein noch autoritäreres Regime zu etablieren, als es vor dem November 1918 existiert hatte, und zum zweiten, optimale Bedingungen - Ausschaltung jeglicher Opposition - für einen Revanchekrieg zu schaffen.
"Diese Ziele konnten nur erreicht werden, wenn es gelang, die Mehrheit des deutschen Volkes erneut unter den politischen und ideologischen Einfluß reaktionärer und nationalistischer Parteien zu bringen."(Petzold S.47)
Die Dolchstoßlegende sollte für diesen neuen ideologischen Einfluß sorgen. Somit richtete sich die Geschichtslüge gegen jeden, der für die Demokratie eintrat. Deshalb waren nicht nur Kommunisten und Sozialisten das Angriffsziel, sondern auch die bürgerlichen Parteien, die angegriffen wurden,
"weil sie auf dem Boden der Weimarer Republik standen und dem reaktionären Flügel im Wege standen. Insofern trug die Dolchstoßlegende sogar dazu bei, daß sich die Anhänger der Sozialdemokratischen Partei und die liberalen Vertreter des Bürgertums gemeinsam mit den Kommunisten von der Reaktion diffamiert sahen. Andererseits unternahmen die Führungsgremien der Weimarer Koalitionsparteien alles, um sich der Auseinandersetzung mit der Dolchstoßlegende vor der Spartakusgruppe und damit von der Kommunisten Partei zu distanzieren. Sie fanden dabei die Unterstützung jener Kreise, die sich der Dolchstoßlegende ausschließlich im Kampf gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung bedienten (...)"(Petzold S.48)
Die prominentesten Vertreter der Dolchstoßlegende sind für Petzold: Ludendorff, Hindenburg, Wilhelm II., Tirpitz,Helfferich - der mit der Dolchstoßlüge im wahrsten Sinne des Wortes den Zentrums- und Finanzpolitiker Erzberger "zur Strecke" brachte-, Graf Westarp, Parteiführer der DNVP, dann Oberst Bauer, aber auch Stresemann, der 1919 Prinz Max v. Baden des Verrats beschuldigte. Als typische Vertreter des Präfaschismus stellt Petzold Bauer und Ludendorff heraus, denn sie waren die Vordenker einer militaristischen, nationalistischen aber auch - besonders Ludendorff - rassistischen Kampfesideologie, der sich die Politik unterzuordnen habe. Das Gefährliche, so stellt Petzold mit einem Zitat Bauers heraus, ist, daß die "Revolution ... die Schuld an der Katastrophe von Versailles" trüge, eine Ansicht, die durch die politischen Umstände in der revolutionären Anfangsphase der Republik in Kreisen des Bürgertums weite Verbreitung und Zustimmung fand. Ludendorff machte in seiner Memoirenliteratur, die auf ein großes Interesse stieß, die "Revolution von oben und unten ..." verantwortlich und meinte damit sowohl die letzte Regierung des Kaiserreiches unter Prinz Max und die Durchführung der Parlamentarisierung im Oktober 1918, als auch die Streikbewegungen und Revolutionierungsversuche der Spartakisten. Die Inhalte der Geschichtslüge fanden Verbreitung durch den Unterricht in den Schulen und durch die Kirchen. 2.1.1 Varianten der Dolchstoßlegende

Petzold stellt zwei Hauptvarianten der Dolchstoßlegende heraus: Einmal die Dolchstoßlegende im "engeren Sinne" , sie hat als Adresse die revolutionäre Linke und wird von den Historikern der Weimarer Republik in ein "wissenschaftliches" Gewand gekleidet, da sie auf den Berichten und Kommentaren der Sachverständigen des Untersuchungsausschusses basiert und im "weiteren Sinne" ist es der Typus Geschichtslüge, der alle Parteien diskreditiert, die nicht nationalistisch sind. Diese Variante der Dolchstoßlegende beinhaltet die gesamten konspirativen Elemente, die besagen, daß am Dolchstoß die Freimaurer, Katholiken, Juden, Liberale und Kommunisten beteiligt gewesen seien. Diese Art von Legende traf alle, die jemals gewagt hatten, überhaupt die dritte Oberste Heeresleitung oder gar Ludendorff selbst zu kritisieren. Diese Variante spielte später besonders den Nationalsozialisten zu.

Die "wissenschaftliche" Variante diente während der Konsolidierungsphase der Weimarer Republik der Sammlung des bürgerlichen Lagers, unter Einschluß der SPD, gegen die Kommunisten, was die Kluft zwischen den beiden Arbeiterparteien weiter vertieft habe. Petzold stuft die "wissenschaftliche" Variante als gefährlicher ein, als die sich zum Teil selbstentlarvenden Lügen in der Variante im "weiteren Sinne", da sie dazu beigetragen habe, die Dolchstoßlegende glaubhaft zu machen. Sie habe zur Folge gehabt, daß das liberale Bürgertum nicht konsequent gegen den Faschismus vorgegangen sei und konservative Sozialdemokraten sich mit ihr hätten anfreunden können. Die Variante mit den stark konspirativen Inhalten, die den Dolchstoß der Heimat in den Rücken des unbesiegten Heeres beinhaltete, habe ihre Blütezeit während der Anfangsphase der Republik und dann wieder nach der Weltwirtschaftskrise gehabt, was darauf hinweist, daß die Legende mit ihren oft pathologischen Inhalten in besonders schweren Krisenzeiten auch als Erklärungsmuster für die aktuelle Situation herhalten mußte. Wenn etwa die Nazis und der gesamte konservative Nationalismus gegen den Young-Plan mobil machten, brauchte die Dolchstoßlegende nicht direkt Erwähnung zu finden. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits so allgegenwärtig, daß man sie als eine Grundfolie zu jeder dieser Polemiken betrachten muß. Die Hauptvertreter der "wissenschaftlichen" Variante sind für Petzold die Sachverständigen des Untersuchungsausschusses von Kuhl, Volkmann aber auch Schwertfeger, den man bei etwas freundlicherer Würdigung als einen Widerleger der Dolchstoßlegende bezeichnen könnte. Die Dolchstoßlegende im "engeren Sinne" war geprägt vom Antikommunismus, "die Dolchstoßlegende im weiteren Sinne aber (war der) Rahmen, in dem die Faschisten ihre 'Abrechnung, mit den 'Novemberverbrechern' vollzogen." Diese 'Abrechnung' füllte die Konzentrationslager. Man kann hier vermuten, daß die Dolchstoßlegende der Hauptschienenstrang nach Ausschwitz war, denn "abgerechnet" wurde vor allem mit den Juden, die für den "Dolchstoß" durch die "Revolution" hauptsächlich verantwortlich gemacht wurden. Hierüber läßt sich Ludendorff immer wieder in seiner Memoirenliteratur aus. Für die Nazis waren die Juden die eigentlichen Schuldigen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs und auch die Hauptschuldigen an Deutschlands Niederlage, weil sie die Arbeiterschaft, als auch die Geheimlogen und die Katholiken instrumentalisiert hätten. Dieser konstruierte Zusammenhang wird jedoch bei Petzold, als auch bei den übrigen Autoren nicht so sehr hervorgehoben. Bei Petzold dominiert der Aspekt der politischen, inneren Front, hier besonders die Frontstellung zur SPD und nach 1949 auch die der DDR, als Vollenderin der Revolution, zur BRD, dem Staat der Reaktion.

2.2 Aus bürgerlicher Sicht

Hiller von Gaertringen verweist ebenfalls auf zwei Hauptrichtungen der Dolchstoßlegende: einmal auf die durch die Historiker der Weimarer Republik und die Sachverständigen vertretene "wissenschaftliche" Variante, die als solche zu Unrecht nach 1945 verworfen worden sei, und die "nationalsozialistisch überformte 'Dolchstoß'-These", die zur Unglaubwürdigkeit der ersten Variante beigetragen habe. Gaertringen ist ein äußerst geschickter Vertreter der "wissenschaftlich" begründeten Dolchstoßlegende. Zur Beweisführung der Richtigkeit ihres wissenschaftlichen Kernbestands bemüht er die Wissenschaftskritik, die verschiedenen Perspektiven nach 1918 und nach 1945 und eine Methodendiskussion. In einer sehr ausführlichen Fußnote geht er dann noch auf die gerade erschienene Veröffentlichung Petzolds ein und nutzt sie so, wie die Rechte stets die Ausführungen der Linken bezüglich Revolution und Dolchstoß genutzt hat: Er nutzt die Bekenntnisse der Kommunisten zur Revolution als Beweis für die Richtigkeit des "wissenschaftlich" erwiesenen Kernbestandes der Dolchstoßlegende. Gaertringen versteckt sich geschickt hinter Zitaten, so daß seine eigene Ansicht zur Dolchstoßlegende nicht gleich deutlich wird, etwa dann, wenn er Max Weber zitiert oder Ernst Troeltsch. Im Wesentlichen Vertritt er die Ansicht, daß Versailles weniger hart und nicht für so ein abruptes Ende des Krieges gesorgt hätte. Eine These, die auch Ludendorff vertrat. Sie besagt, daß die Entente zu günstigeren Waffenstillstandsbedingungen bereit gewesen wäre, wenn es der OHL noch gelungen wäre, das Heer auf die Maas-Linie zurückzuführen, um von dort aus den Kampf wieder aufzunehmen. Allerdings ist auch dieser Inhalt der Dolchstoßlegende widerlegt worden. Die Dolchstoßproblematik wird bei ihm auch in einen Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 gebracht. Die Widerstandsgruppen hätten stets in der Sorge gelebt, Begründer einer zweiten "Dolchstoßlegende" zu werden. Dabei verweist Gaertringen auf eine Studie von Hans Rothfels und verweist auf einen Zusammenhang zwischen "Dolchstoß" und "Wunderwaffen", da die Widerstandskämpfer stets hätten bedenken müssen, daß eine solche Waffe den Krieg für Deutschland hätte zu einem positiven Ende führen können. Für die Beurteilung des Aufsatzes ist der Satz nicht unerheblich: "Hitler habe vieles erprobt, was der mit dem Schicksal hadernden Generation nach 1918 immer nur eine Möglichkeit gewesen war, auf die verzichtet zu haben nachträglich Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Politik erregen konnte - ob wir nun an radikale außenpolitische Ziele oder an die konsequente Organisation des Volkes für den Krieg und im Kriege denken." Diese Art der Betrachtungsweise kann man dem Postfaschismus zurechnen und damit als ideologische Gegenposition zu Petzold in der Geschichtsforschung werten.

2.1.3 Der Dolchstoß als Mythos

Eine liberale, bürgerliche Position bezieht Annelise Thimme. Sie analysiert die Motive der Deutschnationalen und thematisiert die Dolchstoßlegende unter der Kapitelüberschrift: "Die 'Unbesiegten' gegen die 'Verräter' der Nation oder Der Mythos des Dolchstoßes gegen den Mythos der Revolution" und 'Staatsgesinnung' gegen 'Parteigesinnung' oder privilegierte Gesellschaftsordnung gegen demokratische Gesellschaftsordnung". Hier werden die sich in der DNVP zusammenfindenden konservativen Kräfte des Kaiserreiches in ihrem reaktionären Kampf gegen die Demokratie dargestellt, sowie die Mittel, zu denen auch die Dolchstoßlegende zählt, mit denen sie ihre alte autoritäre Machtstellung wiedererlangen wollten. Zur Offenlegung der Verleumdungs- und Geschichtsverfälschungsstrategie analysiert Thimme das ideologische Vokabular der Nationalisten.

Thimmes Kerngedanke ist, daß die Deutschnationalen und ihr gesamtes Umfeld, wie etwa die Alldeutschen, die Dolchstoßlegende nur vordergründig zur Erklärung der Niederlage benutzten. In Wirklichkeit sei aber nicht der Verlust des Krieges oder etwa der Verlust der Monarchie ihr Problem gewesen, sondern einzig und alleine der Verlust ihrer privilegierten autokratischen Machtstellung. Der Krieg, so sieht es Thimme, diente den alten Machteliten nur zur Erweiterung bzw. zur Erhaltung ihrer Macht. Der Verlust des Krieges war also der Verlust eines Mittels zu ihrer Machterweiterung, da der Verlust des von ihnen begonnenen Krieges die Militaristen und Annexionisten disqualifizierte. Darüber hinaus führte der Verlust des Krieges zum Wechsel vom "Autoritätsprinzip" zum "Prinzip einer delegativen Autorität" . Dieses, der Verlust des Konstitutionalismus und die Abschaffung des Drei- Klassenwahlrechts, stellte für die Nationalisten das eigentliche Problem dar. Das Problem der konservativen Sozialdemokraten hingegen war, daß sie ihre Vorstellungen von einem gerechten Verteidigungskrieg nicht aufgeben wollten und somit eine ambivalente Haltung bei der Widerlegung der Dolchstoßlegende einnahmen. Auf der Suche nach den Schuldigen für das Elend nach 1918 gerieten die Sozialdemokraten in eine "Sackgasse", weil sie "nicht daran glaubten, daß die Konservativen oder die frühere deutsche Regierung am Kriegsausbruch schuld waren..." Hier vertritt Thimme bezüglich der SPD Positionen, wie sie Petzold auch vertritt, nur fehlt hier die kommunistische Ideologie und ihre Frontstellung zur Sozialdemokratie. Die konservativen Sozialdemokraten begründeten den gerechten Verteidigungskrieg mit der Einkreisung durch die Entente. Die Kommunisten gerieten nicht in einen solchen Konflikt, der entsteht, wenn man die Dolchstoßlegende zurückweist, aber in punkto Kriegsschuldfrage entweder gar nicht oder nur zögernd die Mitschuld der eigenen Regierung einzuräumen bereit ist. Der Hauptvorwurf der SPD an die Adresse der Annexionisten, so sieht es Thimme, beinhaltet die Torpedierung der Friedensbemühungen Wilsons durch die immer mächtiger werdenden Vertreter eines Siegfriedens. Dieser Schuldvorwurf beinhaltet die Problematik der Kriegszieldiskussion, des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Verträge von Brest-Litowsk sowie die gescheiterte Frühjahrsoffensive 1918. Dies waren alles Themen, die 1919 im Untersuchungsausschuß zur Schuldfrage am verlorenen Krieg behandelt wurden. Thimme zeigt zudem, daß die Nationalisten, im Gegensatz zu den Sozialdemokraten, ihre Positionen - gerechter Verteidigungskrieg, die Revolution als Dolchstoß - nie diskutiert oder in Frage gestellt haben, was belegt, daß es ihnen um eine Wahrheitsfindung nie ging. Die Instrumentalisierung der Schuldfrage am verlorenen Krieg sieht Thimme bei allen Parteien gegeben. Seit Abschluß des Waffenstillstandabkommens vom 16.Februar 1919 beherrschten die Inhalte der Dolchstoßlegende die Debatten des Reichstags. Es ging um Schuldzuweisungen, um Schuldabwälzung, um Diskreditierung des Gegners. Dabei wurde der Reichstag in erster Linie von den antiparlamentarischen Deutschnationalen, den Kommunisten und später von den Nationalsozialisten als Propagandabühne genutzt. Ihnen ging es vielfach nicht um das aktuell zu diskutierende Problem. Sie suchten stattdessen immer wieder ihre alte Leier von den Novemberverbrechern und den Dolchstoßinhalten zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorzutragen. Thimme zeigt zudem auf, wie ein Mythos den anderen befruchtete. Nicht nur die Dolchstoßlegende wird als Mythos gesehen, sondern auch der Urheber der Legende, Hindenburg. Er, mit dem Nimbus des Unbesiegbaren, bringt das Schlagwort vom Dolchstoß in den Rücken des unbesiegten Heeres während des Untersu-chungsausschusses. Dieselbe Gloriole hatte 1917 bereits dazu geführt, daß sein Rücktrittsgesuch an den Kaiser zum Rücktritt Bethmann-Hollwegs führte, da dieser den Kriegs-zielen der OHL entgegenstand. Nun trug sie maßgeblich zur Glaubwürdigkeit der Dolchstoßinhalte bei. Als einen weiteren, von den Nationalisten aufgebauten Mythos,sieht Thimme den Versailler Vertrag, der in dämonisierender Weise als 'ehrenrührig' und 'demütigend' dargestellt wurde. "Man benötigte damals die Demütigung als inneres- wie "äußeres politisches Kampfmittel." Gerade als innenpolitisches Kampfmittel, ist es wieder im Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende zu sehen. Der "Dolchstoß" hat demnach zum "Diktatfrieden" und seinen Bedingungen geführt, Deutschland also der Entente ausgeliefert. Somit standen die "Novemberverbrecher" im Solde der Entente. Bei dieser Mythenbildung bediente man sich einer ausgeprägten Schwarz-weiß Malerei.
"Die politische Propaganda der DNVP in Reichstagsreden, Presse und Flugschriften entsprach in dem 'Image' von sich selbst und dem 'Image' von den Gegnern einer solchen Märchenwelt, in der es nur 'gute' und 'edle' oder 'böse' und 'gemeine' Menschen gab. Die 'Guten waren alle die, die zur eigenen Gruppe gehörten (...). Die 'Bösen', das heißt Bolschewisten, Juden und Demokraten (...) besaßen die entgegengesetzten Eigenschaften. Das Gute an der Existenz solcher Kategorisierung von in-group und out-group war, daß sie nicht nur ermöglichte, sondern sogar erlaubte, den Krieg im Frieden mit bestem Gewissen fortzusetzen."(Thimme S.116f.)
In diesem Zusammenhang sind auch die Fememorde zu sehen,die ihre Motive ebenfalls wieder in den Dolchstoßinhalten fanden. Thimmes Äußerungen über die in-group, out-group Moral wird auch durch die Äußerungen der DNVP-Abgeordneten des Reichstags vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß belegt, der die Fememorde 1926 zu untersuchen hatte. Die Gefährlichkeit der Dolchstoßlegende besteht also in ihrer prägnanten Bildhaftigkeit, ihrer Verknüpfung mit weiteren Verfälschungen und Übertreibungen, dem gefährlichen Sprachgebrauch und der Beliebigkeit, mit der je nach Situation jede Person und jede Partei als Ziel der Diffamierungen gelten konnte, die Kritik übte an nationalistischen und revanchistischen Positionen. Dies alles vor dem Hintergrund einer ohnehin durch den Krieg und seinen propagandistischen Simplifizierungen aufgewühlten, nationalgesonnenen 'Volksseele', so daß sich auch die Sozialdemokraten im Parlament bemühen mußten, möglichst national zu erscheinen. Das nationale Gehabe der Sozialdemokraten erschwert die Einschätzung der Dolchstoßlegende, weil sie zur Verwischung der Fronten beiträgt bzw. andere Gräben weiter vertieft - hier auch zur USPD, was die Wiedervereinigung der beiden Parteien erschwerte. So wies auch die SPD in Parlamentsdebatten die deutsche Kriegsschuld zurück, um so glaubhaft als Partei auftreten zu können, die wahrhaft deutsche Interessen vertrete. "Sie benötigte dieses 'Ritual' der Zurückweisung von der 'allgemeinen Kriegsschuld' Deutschlands als Alibi im Kampf gegen die nationalistische Hetze," wobei jedoch manchmal nicht klar ist, ob es sich bei den nationalistischen Äußerungen konservativer Sozialdemokraten um Überzeugung handelt oder um publikumswirksame Taktik gegenüber der DNVP und der NSDAP oder ebenfalls um eine offensive Verschleierungstaktik zur Verdeckung der deutschen Kriegsschuld.

2.3 Dolchstoßlegende und Kriegsschuldfrage; linker Nationalismus

Zu diesem Thema "äußert sich Heinrich August Winkler: "Kriegsschuldfrage und Friedensvertrag: Der Nationalismus in der Sozialdemokratie". Winkler führt aus, wie schwer sich die Mehrheitssozialisten mit der Aufarbeitung der Kriegsschuldfrage taten und welche nachhaltig negativen Konsequenzen dies für die SPD und auch für die Weimarer Republik hatte. Über die mangelnde Bereitschaft eine beträchtliche Mitschuld der Deutschen Regierung von 1914 am Krieg einzuräumen, nahmen sich die Sozialdemokraten die Möglichkeit, die auf ihre Vernichtung abzielende Dolchstoßlegende zu entschärfen. Denn so blieben sie die "Meuchelmörder" in einem für die Deutschen gerechten Verteidigungskrieg. Hätten sie sich die Dokumente zunutze gemacht, die ihnen nach Kriegsende zur Einsicht zur Verfügung gestanden haben und die die kaiserliche Regierung und damit alle, die den Dolchstoßvorwurf erhoben, schwer belastete, so hätten sie den Frieden von Versailles den Nationalisten anlasten können, so aber standen sie selbst am Pranger. "Die Chance zur Generalabrechnung mit der Politik, die in den Krieg und die Niederlage geführt hatte, wurde nicht genutzt. Die Kriegsschuldlegende der Rechten konnte weiterwuchern."(Winkler S.226) Dieses Verhalten brachte der MSPD im bürgerlichen Lager keine Freunde, dafür aber weitere Feinde bei den Anhängern der USPD und der KPD. Wie sehr die Fronten verwischt werden, belegt auch die Art, wie die SPD die "Imperialismus" und "Kapitalismus"- Argumente der KPD aufgreift, um mit dieser Revolutions-Terminologie den Krieg zu erklären. Indem die SPD den Kapitalismus und Imperialismus allgemein für den Krieg verantwortlich macht, lenkt sie die Aufmerksamkeit ab von ihrer eignen Mitschuld bei der Bewilligung der Kriegskredite für einen Krieg, der sich mehr und mehr als Angriffs- und Eroberungskrieg herausstellte. Das Motiv für die Bewilligungen dürfte gewesen sein, endlich die Anerkennung durch die Machthaber zu gewinnen, um das politische Pariadasein hinter sich lassen zu können. Jetzt aber, wo die Nationalisten unverhohlen auf die Beseitigung des "Systems" abzielen um die SPD wieder - wie alle anderen demokratischen Parteien auch - entmündigen zu wollen, jetzt steht sie vor dem Dilemma, sich aus ihrer nationalen Position heraus gegen die Nationalisten selbst rechtfertigen zu müssen. Sozialdemokraten, die die Selbstkritik offen forderten, wurden vom rechten Flügel ignoriert oder sogar beschimpft. Dieses Verhalten des konservativen Parteiflügels der SPD hat sehr dazu beigetragen, dem Dolchstoßvorwurf seine Legitimation zu verschaffen.

2.4 Die Dolchstoßlegende unter dem Aspekt der Revolutionsproblematik

Eine so ambivalente Haltung wie zur Kriegsschuldfrage hatten die Mehrheitssozialisten auch zur Revolution. Die Frage nach der Wirkung der Revolution oder ob überhaupt eine stattgefunden hat, ist für das Thema Dolchstoß bedeutend. Wenn es eine solche Wirkung der Revolution, wie sie ihr von den Militärs und den Nationalisten meist zugesprochen wird, nicht gegeben hat, ist auch der Dolchstoßvorwurf gegenstandslos. Daß das Heer nicht unbesiegt war, sondern vor seiner Niederlage stand, ist ein Beweisverfahren gegen die Dolchstoßlegende, daß es den "englischen General" als Kronzeugen in dem Sinne, wie ihn Hindenburg vorgestellt hatte, nicht gab, ist ein weiteres. Die Analyse der Revolution und ihre Wirkungen ist ebenfalls ein Verfahren zur Widerlegung der Zwecklüge. Sie zielt auf die Erledigung des eigentlichen Dolchstoßes ab. Die Behandlung dieses Themenkomplexes ist weitaus intensiver und umfangreicher als die des Themas "Dolchstoßlegende", zu der es bis 1962 nur eine einzige umfangreichere Studie nämlich die Petzolds, gegeben hat und offenbar ist sie bis heute auch die einzige geblieben. Es gibt kaum einen Historiker der das Thema "Revolution" und ihre Bedeutung für die Weimarer Republik nicht ausführlich behandelt. Und stets wird in diesem Zusammenhang die Dolchstoßlegende eher beiläufig erwähnt. Allein unter dem Stichwort "Dolchstoßlegende" ließe sich die ganze Kontroverse um die Entstehung der Revolution und ihre Wirksamkeit noch einmal abhandeln. Die Akzentverschiebung des Themas "Revolution" zum Stichwort "Dolchstoßlegende" geht jedoch in Richtung: 'Geschichte einer Propagandalüge', in der der Mythos von der Revolution von der Rechten geschickt verstärkt wird, um ihn dann auf gefährlichste Weise gegen seine Urheber, die KPD und ihr gesamtes Umfeld, die Arbeiterbewegung, zu kehren.

2.4.1 Die Revolution, kein einmaliger Vorgang des 9.November, sondern eine Entwicklung in drei Phasen

Für das Thema "Dolchstoßlegende" ist Ulrich Kluges Aussage bedeutsam, daß die Revolution kein Vorgang des 9.November war, sondern einer, der sich über einen Zeitraum bis hin zum Kapp-Putsch und dem Ruhrkampf 1920 erstreckte. Dies ist insofern bedeutend, da nun der noch zu behandelnde Untersuchungsausschuß nicht nach, sondern als während der Revolution eingesetzt, zu betrachten ist. Da der Ausschuß die Frage nach der Schuld am verlorenen Krieg zu behandeln hat, muß er also die Revolution und ihre politische Wirkung bereits zu einem Zeitpunkt bewerten, an dem sie noch gar nicht abgeschlossen ist. Vor diesem Hintergrund ist der Zweite Unterausschuß die Bühne der Reaktion, des "Weltrevolutionärs und Wegbereiters Deutscher Volksschöpfung" , wie Ludendorff sich selbst in seiner Memoirenliteratur sah. Kluge kommt zu dem Ergebnis, daß eine Revolution im "extremen Sinne" nicht stattgefunden habe, weil dazu eine zu überwindende "Gegenmacht" nötig gewesen wäre . Oder anders gesagt: Es hatte sich im November 1918 niemand gefunden, der ernsthaft bereit gewesen wäre, die Monarchien zu verteidigen. Daß sich nun aber trotzdem bald eine Reaktion bemerkbar machte, die die Demokratie annullieren wollte, wird in der hier referierten Literatur vielfach damit begründet, daß die Konservativen nicht so sehr an der Monarchie hingen, sondern an der mit ihr verbundenen autoritären Machtstruktur, die auch durch eine Militärdiktatur gewährleistet werden konnte oder, wie es sich in der Endphase der Weimarer Republik zeigte, auch durch eine Präsidialdiktatur mittels Notstandsverordnungen. Für die Reaktion aus Großkapital und Militär war entscheidend, daß sie sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen keinem Mehr-heitsvotum zu stellen brauchten. Wie sehr sich der gesellschaftlich lange gepflegte Militarismus negativ auf die Demokratie auswirkte, wird von Kluge damit belegt ,daß er - wie viele der Historiker - darauf hinweist, daß über den Waffenstillstand und den Friedensschluß hinaus das Militär eine eigene, nahezu nicht kontrollierbare Macht, ein Staat im Staat blieb. Das neue Hauptquartier in Kolberg wirkte auf die Rätebewegung wie eine Provokation. Die neuen Machtstrukturen schienen ihnen durch die alten Machteliten gefährdet.

"... das kollektive Protestverhalten (der Räte ab Dezember) war 'hausgemacht' durch die Etablierung eines konkurrierenden Herrschaftszentrums mit dem Aufbau einer irregulären Truppenmacht (den Freikorps) durch die Oberste Heeresleitung. (...) Weit über den Sturz der Monarchie 1918 hinaus wirkte sich die von der gesellschaftlichen Sonderstellung bestimmte (...) Tradition der militärischen Machteliten aus: in der Engstirnigkeit gesellschaftlicher Exklusivität, in der Anfälligkeit für gewaltsame Problemlösungen und in der Verklärung des bürokratisch-militärischen Expertentums."(Winkler S.202f.)
2.4.2 Pazifismus und Kriegsmüdigkeit; die "Friedensrebellion"

Hans Booms ergänzt die Diskussion um die Wirkung der Revolution auf das Kriegsende durch ein Herausstreichen des zunehmenden Pazifismus in Deutschland nach dem "Steckrübenwinter" 1916 und begründet ihn mit Kriegsmüdigkeit aufgrund Entbehrungen der Bevölkerung an Lebensmitteln und Dingen des t"glichen Bedarfs sowie der schwindenden Aussichten auf einen erfolgreichen Verlauf des Krieges.Für Booms ist die treibende Kraft nach dem Waffenstillstandsangebot vom September 1918 die einsetzende "Friedensrebellion" . Diese Rebellion wandte sich gegen die konservativen Kreise, die Industrie, die Alldeutschen und die OHL, die zunehmend mehr verdächtigt wurden, die Friedensverhandlungen zu sabotieren, um ihre Annexionspläne durchzusetzen. Aus dieser "Friedensrebellion" heraus sei dann letztlich im November die Revolution entstanden, als man sah, daß sich die Heeresleitung und die übrigen alten Machteliten des Reiches gegen den Friedenswillen der Mehrheit im Volke gestellt hatte. Hierbei stellt Booms auch die gravierende Kluft zwischen Mannschaften und Offizierskorps heraus, das glaubte, aus Gründen der "Ehre" weiterkämpfen zu müssen. Die Nationalisten hatten demnach die Revolution provoziert, als sie erkannten, daß ein verlorener Krieg ihnen ihre privilegierte Stellung im Staat nehmen würde. Die Parlamentarisierung im Oktober hatte ihnen hiervon bereits eine Vorstellung gegeben.
"Die SPD-Abgeordneten hatten richtig erkannt, daß (...) die nervöse Besorgnis im Volke, die alten Mächte im Staate könnten noch, entgegen dem allgemeinen heftigen Verlangen, den Krieg fortsetzen wollen, daß diese Furcht vor allem die Radikalisierung vorwärtstrieb." (Booms S. 601f.)
Für die Diskussion um die Dolchstoßlegende hätte dieser Aspekt zur Folge, daß die nationalistischen Kreise die "Revolution" als "Dolchstoß" brauchten, um von ihren einstweilen gescheiterten reaktionären Absichten abzulenken, wie etwa den Krieg gegen den Willen der Zivilregierung Prinz Max von Badens mit einem Flottenangriff fortzusetzen. Im Untersuchungsausschuß wurde von der alten OHL der Versuch unternommen, ein Bild der Einigkeit zwischen Zivilregierungen Bethmann-Hollwegs bis Hertling darzustellen, um so den Eindruck zu verwischen, die 3.OHL habe prinzipiell gegen die Zivilregierungen opponiert. In der Revolution sieht Booms im Wesentlichen das Bestreben großer Teile der Bevölkerung, die im Oktober geschaffenen "parlamentarisch-demokratischen Formen" zu verteidigen.

2.5 "Dolchstoß und "Dolchstoßlegende" in der Sprachwissenschaft

Bernd W. Seiler geht das Problemfeld sprachwissenschaftlich an und differenziert zwischen "Dolchstoß" und "Dolchstoßlegende". Beide Begriffe haben, so legt er dar, im Abstand von zwei Jahren zu ihrer populären Verbreitung gefunden: Der Begriff "Dolchstoß" 1919 durch Hindenburg und der Begriff "Dolchstoßlegende" 1921 durch den damaligen Innenminister Kösters, der eine kostenlose Schrift über den Inhalt der Dolchstoßlüge hatte verbreiten lassen und damit die Reaktion der Nationalisten herausforderte, die sich aus diesem Grund künftig mit dem Begriff "Dolchstoßlegende" auseinandersetzen mußten, um zu belegen, daß es sich nicht um eine Legende handle. Die Wirksamkeit des "Schlagwortes" sieht Seiler darin begründet, daß es "die Niederlage in ein Bild bringe, daß für jedermann leicht zu begreifen und bequem zu gebrauchen" sei. Es erspart die Darlegung komplizierter gesellschaftlicher, sozialer und militärstrategischer Zusammenhänge. Zudem wirkt es außerordentlich "theatralisch". Die Inhalte der Geschichtslüge waren so vielfältig, wie die Zielgruppen, die durch sie belastet werden sollten: Es konnte beinhalten: "die Revolution", "defätistische Propaganda", "'feige Deserteure und Meuterer'", "die Sozialdemokratie oder auch das ganze Volk", aber auch Einzelpersonen wie: Erzberger und Prinz Max von Baden, dann aber auch das rassistische Moment "die Juden" und wenn es gegen die gesamte Demokratie gerichtet war, "die Parlamentarier".

"Wer 'Dolchstoß' hörte, konnte die ihm jeweils geläufigen Argumente darunter subsummieren (...)". Seiler stellt resümierend fest: "'Dolchstoß' und 'Dolchstoßlegende' unterscheiden sich wesentlich nur in einem Punkt: der Bedeutungsbreite: 'Dolchstoß' ist wegen der Vielzahl seiner Bedeutungen nicht zu definieren, während 'Dolchstoßlegende' die eindeutige, nicht mißzuverstehende Aussage hat: Die 'Dolchstoß'-These entspricht nicht der Wahrheit."(Seiler S.16)
Bezüglich der allgemeinen Gebrauchshäufigkeit stellt Seiler fest, daß das Schlagwort vom 'Dolchstoß' nach 1925 seinen propagandistischen Zenit überschritten habe. Für den Begriff 'Dolchstoßlegende' stellt er fest, daß er seit 1933 nicht mehr in den Printmedien erscheinen durfte und daß er nach 1945 als Sammelbegriff für antidemokratische Gesinnung diente. Zudem wurde der Begriff zum "Fachausdruck des Historikers". 2.6 Beurteilung der Dolchstoßlegende hinsichtlich ihrer politischen und historischen Bedeutung

Bleibt zum Schluß die Frage: Wie sehen die verschiedenen Autoren den Einfluß der Dolchstoßlegende auf das Ende der Weimarer Republik, und welchen Anteil hat sie am Aufstieg des Nationalsozialismus, inwieweit bereitete sie den zweiten Weltkrieg vor? Für K. D. Erdmann hat die Dolchstoßlegende keinen Anteil am Untergang der Weimarer Republik, auch wenn die "Kräfte", die die Legende stets propagierten, auf das Ende Weimars hingearbeitet hatten. Für Erdmann liegen die Gründe für das Ende Weimars in den "Wirtschafts-, Sozial- und Strukturverhältnissen". Dennoch kommt Erdmann zu dem Schluß, daß die Legende vom "Dolchstoß" das "eigentliche wahre deutsche Verhängnis" gewesen sei, "schlimmer noch als die Niederlage, da es die Deutschen gegeneinander kehrte" und somit die politische und wirtschaftliche Kraft im "solidarischen Bemühen" den Versailler Vertrag zu revidieren, hemmte. Über den Zusammenhang von Revolution und Niederlage sagt er: "Das Infame an der Dolchstoßlegende war, daß sie den zutreffenden Sachverhalt der Revolution in eine unzutreffende Verbindung mit der deutschen Niederlage stellte." (Erdmann S.51)In Hinblick auf die Stoßrichtung der Dolchstoßlegende betrachtet Gunther Mai sie als "eine subtile Form des Staatsstreichs auf Raten" und bewertet somit die Auswirkung der Geschichtslüge auf die Republik anders als Erdmann.

Peter Krüger stellt die Dolchstoßlegende in eine enge Nachbarschaft mit der Lüge vom gerechten deutschen Verteidigungskrieg. Die eine Geschichtslüge hat die andere zur Voraussetzung. Beide wurden dazu genutzt, den inneren und den äußeren Gegner in ein moralisches Unrecht zu setzen, um dann zu behaupten, man wolle Deutschland einer "dauernden Ohnmacht überantworten", so als spielten die inneren Feinde den äußeren in die Hände.

A. Thimme sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den die geschichtliche Wahrheit verfälschenden Mythen der Nationalisten und den "Gasöfen" der Nazis. Die von den Deutschnationalen und ihrem Umfeld geprägte "Atmosphäre des Hasses und der Aggression" wurde von den Nazis genutzt.

Für Petzold ist die Dolchstoßlegende, die zur Ausschaltung der Opposition führte , die von deutschnationaler Seite geleistete Hilfestellung für "den Aufstieg des Faschismus und für die Vorbereitung des zweiten Weltkrieges." Da auch große Teile des von der Dolchstoßlegende selbst betroffenen linksliberalen Bürgertums sich zum krassen Antibolschewismus verstieg, "vermochten sich (...) große Teile des deutschen Volkes nicht aus dem Bann der Dolchstoßlegende zu befreien."

Eine direkte Verbindung zwischen der Dolchstoßlegende und dem zweiten Weltkrieg zieht Heinz Schröder in seinem 1946 erschienen Büchlein: "Das Ende der Dolchstoßlegende". Er sieht Hitler in der Rolle desjenigen, der vor der "Geschichte" beweisen wollte, daß die Dolchstoßlegende eben keine Lüge, sondern die Wahrheit sei. Diesen Prozeß habe er nun, und mit ihm das ganze deutsche Volk, verloren. Schneider weist darauf hin, daß nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 wieder reaktionäre Kräfte am Werk gewesen seien, eine neue Dolchstoßlegende für diesen Untergang zu fabulieren. Er verweist hier auf Hitlers "Mitternachtsansprache vom 20. Juli 1944" und andere Reden, auf die sich die neuen Dolchstößler stützten. Lindley Frasers Anliegen war es, noch während des Krieges nachzuweisen, wie durch die Hingabe des deutschen Volkes an die Geschichtslügen seiner "Propagandisten" der zweite Weltkrieg ermöglicht wurde. "Niemals hätten sie (die Propagandisten) einen solchen Sieg (über das deutsche Volk) erringen können, wenn nicht das deutsche Volk ein so williges Opfer gewesen wäre, wenn es nicht hätte überzeugt werden wollen. In diesem Sinne war die überwältigende Mehrheit aller Deutschen nationalsozialistisch." Auch Fraser hatte 1947 die Befürchtung, daß eine neue Dolchstoßlegende zur Erklärung der letzten Niederlage in die Welt gesetzt werden könnte, mit der die Deutschen dann den dritten Weltkrieg vorbereiten würden. Fraser vertrat noch während des Krieges die Ansicht, daß einer neuen Dolchstoßlegende frühzeitig entgegengetreten werden müsse, denn der Zweite Weltkrieg hätte vielleicht nicht stattgefunden, hätte man die Propagandalüge vom Dolchstoß, wie sie 1919 und 1920 verbreitet wurde, bei den Ententemächten richtig einzuschätzen gewußt. Stattdessen hatte man die innerdeutsche "Auseinandersetzung" um das Thema "Dolchstoß" oder "Dolchstoßlegende" nie "ernst genommen", da es für Engländer und Amerikaner fest stand, daß Deutschland besiegt war.

Ähnliche Befürchtungen wie Fraser hatte auch 1958 Ludwig von Rudolph, der nach 1945 in den Veröffentlichungen mancher Historiker wieder den Versuch erblickte, einen gewissen Kernbestand der Dolchstoßlegende in die Nachkriegszeit als wissenschaftlich gesichert retten zu wollen, einer Darstellung des Themas auszuweichen oder zu verharmlosen. Rudolphs Kernaussage ist, daß die mangelnde Bereitschaft der Deutschen, sich währendder Weimarer Republik mit der historischen Wahrheit auseinander zu setzen, die eigentliche Ursache für die nächste Katastrophe war.

Benutzte Literatur

1.)Heinrich August Winkler: "Kriegsschuldfrage und Friedensvertrag: Der Nationalismus in der Sozialdemokratie"; Von der Revolution zur Stabilisierung,
2.)Hans Booms; Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
3.)K. D. Erdmann; Die Weimarer Republik
4.)Gunther Mai; Das Ende des Kaiserreiches
5.) L. v. Rudolph; Die Lüge die nicht stirbt
&. Bernd W.Seiler: "Dolchstoß" und Dolchstoßlegende"