Weimarer Republik


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Monroe-Doktrin
(Helfferich stellt die Doktrin als Beweis für Amerikas langfristige Expansionsgelüste dar.)

Amerkas Weg in den Krieg

Der Friede von Berlin 1921
(Einige Positionen zur Bewertung Wilsons geben hier Helfferich Recht)

Die Dolchstoßlegende


Hautteil III


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III. Die Entstehung und Instrumentalisierung der Dolchstoßlegende

1. Die Geschichte des Untersuchungsausschusses

1.1 Die juristischen Grundlagen

Während der Verhandlungen des zweiten Unterausschusses kam es zweimal zur Verhängung von Bußgeldern wegen Aussageverweigerung, die zum einen die vorsätzliche Beleidigung eines Ausschußmitgliedes als Ursache hatten, aber auch vor dem Hintergrund einer ungeklärten Rechtsposition des Ausschusses selbst zu sehen sind. Für die juristischen Belange war insgesamt von Bedeutung, daß ein Ausschuß

´"weder gegen einen Beschuldigten zielte() noch auf Urteilsfindung. Daraus folgte, daß vor allem die Bestimmungen über Beweiserhebungen sowie Zeugen- und Sachverständigenvernehmungen anwendbar waren." Die Zeugen durften deshalb keine Vorsitzenden wegen "Befangenheit ablehnen (wie es in besonders scharfer Form Helfferich getan hatte), noch Beweisanträge stellen (oder) einen Rechtsanwalt verlangen (...). Paragraph 70 ermöglichte eine Ordnungsstrafe, wenn ein Zeuge die Aussage oder die Eidesleistung ohne gesetzlichen Grund verweigerte."(Nagel S.285ff.)

Eine Aussage konnte jedoch dann verweigert werden, wenn man sich selbst im strafrechtlichen Sinne belastete und mit einer anschließenden Strafverfolgung rechnen mußte. Diese Möglichkeit sahen auch die Zeugen Helfferich, Hindenburg und Ludendorff und verlangten deshalb vom Ausschuß diesbezüglich Klarheit. Der Ausschuß konnte ihnen aber die Garantie, später nicht wegen gemachter Äußerungen strafrechtlich verfolgt zu werden nicht geben. Dennoch durften sie als Zeugen ihre Aussagen sofern es um die Rekonstruktion der Ereignisse während des Weltkrieges ging, nicht verweigern.

1.2 Die Einsetzung des Untersuchungsausschusses

Seit der Unterzeichnung der harten Waffenstillstandsbedingungen stellte sich für die Deutschen die Frage nach der Kriegsschuld immer dringlicher, da von ihr die Bedingungen des Friedensvertrages abhängig sein würden. Die Gewißheit,in einem gerechten Verteidigungskrieg gestanden zu haben, schwand immer mehr. Bereits am 23. November 1918 hatte zur Kriegsschuldfrage Karl Kautsky Aktenstücke veröffentlicht, die an der deutschen Schuldlosigkeit starke Zweifel aufkommen ließen. Vermutlich mit dem Ziel, einer einseitigen Verurteilung Deutschlands zuvor zu kommen, schlugen die deutsche Reichsleitung der Entente die Einsetzung einer "neutralen Kommission" vor, um die Kriegsschuldfrage klären zu lassen.

"Die Kommission soll befugt sein, alle jene Persönlichkeiten zu vernehmen, die zur Zeit des Kriegsausbruches die Geschicke der einzelnen Länder bestimmt haben, sowie alle Zeugen, deren Aussagen für die Beweiserhebung von Bedeutung sein könnten."(Winkler S. 209)

Dieser Vorschlag wurde von der britischen Regierung am 7. März 1919 zurückgewiesen, "da nach der Meinung der verbündeten Regierungen die Verantwortlichkeit Deutschlands für den Krieg längst unzweifelhaft festgestellt sei." Diese Note wurde von der deutschen Regierung am 30.3.1919 dahingehend beantwortet, den Alliierten vorzuwerfen, sie maßten sich an,

"Ankläger und Richter zugleich" sein zu wollen. Deutschland könne einen Urteilsspruch in dieser "Frage nur anerkennen, wenn er von einer Stelle ausgehe, der das gesamte Aktenmaterial beider Parteien zur Verfü- gung stehe und die in der Lage sei, die nötigen Beweise durch Urkunden und Zeugen in voller Öffentlichkeit zu erheben."(Michaelis/Schraepler, Bd.3, S.331, Dokument Nr. 706)

Nachdem aus der Einsetzung einer neutralen Kommission nichts geworden war, entschied sich am 8.4.1919 das Kabinett Scheidemann zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Verbindung mit der Einsetzung eines Staatsgerichtshofs. Das Kabinett hatte sich die Arbeitsteilung zwischen Untersuchungsausschuß und Staatsgerichtshof so vorgestell:

Ist () der Nationalversammlung in gewissem Sinne die Rolle des politischen Anklägers zugewiesen, so erfolgt die endgültige Entschließung über die Schuldfrage durch einen Gerichtshof, der dem politischen Parteienleben fernsteht und ohne Voreingenommenheit, (...) unparteiisch Recht sprechen wird."(Michaelis/Schraepler Bd. 3, S.274, Dokument Nr. 665)

Am 7. Mai wurden der deutschen Delegation die Friedensbedingungen übergeben, in denen die deutsche Regierung anerkennen mußte, mit ihren Verbündeten allein

"für die Verluste und Schäden verantwortlich (zu sein), die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seine Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben." (Michaelis/Schraepler Bd. 3, S.405, Dokument Nr. 733)

Der Artikel 231 hieß danach nur noch polemisch der "Kriegsschuldparagraph". Obwohl er die Schuldfrage nicht im moralischen, sondern im "juristischen" Sinne feststellte, wurde er dennoch als

"'ehrenrührig' und 'demütigend' empfunden. (...) Der Kampf gegen die'Kriegsschuldlüge' wurde zum innenpolitischen Kampfmittel ersten Ranges gegen die Demokratie".(A.Thimme,S.91)

Da man die Sozialisten und Demokraten für die Revolution, die das alles eingebrockt habe, verantwortlich machte, waren sie auch die Schuldigen für diese Herabsetzung "deutscher Ehre".

Am 16.8.1919 wurde von der Nationalversammlung die Einsetzung eines Staatsgerichtshofes, der die Verantwortlichen für den Weltkrieg hätte im juristischen Sinne verurteilenkönnen, von derMehrheit der Nationalversammlung abgelehnt. Am 20.8.1919 stimmte die Nationalversammlung derEinsetzung eines parlamentarischen Untersuchnugsausschusses jedoch zu, dessen Ergebnisse fürdie Politik und die Geschichte zwar sehr wichtig, aber hinsichtlich einer Strafverfolgung nunbelanglos war. Aus diesem Grund, kommen dem "Münchner Dolchstoßprozeß", in dem der Herausgeber der "Süddeutschen Monatshefte", Cossmann, sich gegen den Vorwurf der Geschichtslüge verwahren wollte, besondere Bedeutung zu, da hier die Dolchstoßlegende und ihre Inhalte im juristischen Sinne geklärt werden sollten.

Der am 20. August 1919 beschlossene Untersuchungsausschuß hatte den Auftrag "festzustellen, 'welche Vorgänge zum Ausbruch des Krieges geführt, seine Verlängerung veranlaßt und seinen Verlust herbeigeführt habe.'" Der eingesetzte Untersuchungsausschuß gliederte sich in vier Unterausschüsse. Dabei sollte der 1. Unterausschuß die Kriegsschuldfrage klären, weshalb auch die "Vorgeschichte des Weltkriegs" zu behandeln war. Der 2. Unterauschuß sollte klären, was zur Verlängerung des Krieges beigetragen habe. Hierzu gehörte die Problematik des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Friedensnote des Reichstages vom 12. Dezember 1916 sowie Wilsons Vermittlungs- und Friedensbemühungen. Der 3. Unterausschuß sollte die Problematik der Verstöße gegen das "Völkerrecht im Weltkrieg", hier vor allem den Überfall auf das neutrale Belgien, die Deportationen von Zwangsarbeitern und die Politik der verbrannten Erde, die die Deutschen in Frankreich und Belgien betrieben hatten, ferner die Verstöße gegen die Hager Landkriegsordnung untersuchen.Der 4. Unterausschuß behandelte "Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918". Dieser Ausschuß befaßte sich mit dem Siegfrieden von Brest-Litowsk, der Auswirkungen hatte auf den "Diktat"-frieden von Versailles, die gescheiterte Frühjahrsoffensive 1918 und die damit verbundene Frage, ob ein Eingehen auf Wilsons Vermittlungen im Frühjahr 1918 unter Verzicht der Großoffensive an der Westfront nicht zu günstigeren Friedensbedingungen geführt hätte, dann das Bemühen der OHL um einen Waffenstillstand, die Revolution und eine besondere Untersuchung befaßte sich mit dem "Dolchstoß". Für das Thema "Dolchstoßlegende" sind unmittelbar nur der zweite und vierte Unterausschuß von Bedeutung. Der zweite Unterausschuß, weil hier Helfferich, Hindenburg und Ludendorff das Schlagwort vom Dolchstoß in die Welt gesetzt hatten und der vierte Unterauschuß, weil er bemüht war, den Schaden, den die prominenten Zeugen des zweiten Unterausschusses bezüglich der Polarisierung in der öffentlichen Diskussion angerichtet hatten, zu begrenzen. Von Bedeutung ist, daß die Vernehmung der Zeugen im zweiten Unterausschuß öffentlich war, hingegen die Vernehmung der Zeugen im vierten Unterausschuß für das Publikum hinter verschlossenen Türen stattfand. Das ist insofern für die Entwicklunmg und Verbreitung dieser Geschichtslüge bedeutend, weil die Relativierung oder auch Aufhebung der Legende - je nach Gutachter - nur über die hier vorliegenden Veröffentlichungen des Reichstages erfolgte, während über die öffentlichen Verhandlungen des zweiten Unterausschusses die gesamte Presse noch am gleichen Tag berichtete. Der vierte Unterausschuß konstituierte sich, als der zweite seine Arbeit bereits aufgenommen hatte. Als Hindenburg vernommen wurde, war man im vierten Unterausschuß noch mit der Abgrenzung des Themas zu den anderen Unterausschüssen beschäftigt. Die um Wahrheit bemühte Untersuchung der "Dolchstoß"-Frage erfolgte aber erst zwischen 1923 und 1925. Die Ergebnisse wurden 1928 veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt waren die verschiedensten Ausprägungen der Legende längst Allgemeingut

geworden und waren somit kaum noch in der Öffentlichkeit korrigierbar.

1.3. Der Verlauf der öffentlichen Sitzung des Zweiten Unterausschusses

Der zweite Unterausschuß tagte vom 21. Oktober 1919 bis zum 14. April 1920. Es fanden insgesamt 15 Sitzungen statt Zwischen der 14. Sitzung am 18. November 1919 und der 15. am 14. April 1920 klafft u.a. deshalb eine so große Lücke, weil man es für angeraten hielt, die Öffentlichkeit sich erst mal wieder beruhigen zu lassen, so hatten diese letzten Sitzungen die Gemüter der Nationalisten auf der einen Seite und die der Demokraten und Sozialisten auf der anderen erhitzt. Wobei hier zu berücksichtigen ist, daß ohnehin, wegen der latenten Revolutionsgefahr, Ausnahmezustand herrschte. Zwischen den beiden Sitzungen ereignete sich der Kapp-Putsch, der ebenfalls von der nationalistischen Welle getragen wurde. Es ist davon auszugehen, daß die Dolchstoßbehauptung vom 18. November die nationalistischen Strömungen mit verstärkt hatten und sich die Putschisten sich dadurch zunehmend ermuntert fühlten. Eine genauere Betrachtung des Verhandlungsverlaufs belegt, daß die Dolchstoßbehauptung von den Vertretern des alten Systems nach der Maxime gehandhabt wurde: 'Angriff ist die beste Verteidigung'.

1.3.1. Die Position des Zeugen Bernstorff

Bernstorffs Position tritt am klarsten am 15. Sitzungstag im April 1920 hervor. Dort baute er folgendes Argument auf: 1.) Ohne U-Boot-Krieg hätte es keinen Krieg mit den USA gegeben.
2.) Ohne die USA hätte die Entente nie siegen können.
Daraus folgt: durch die Eröffnung des rücksichtslosen U-Boot-Kriegs hat Deutschland leichtfertig seine schwere Niederlage und die daraus resultierenden Konsequenzen (Versailles) selbst verschuldet. Diesen Standpunkt vertritt Bernsdorff, wenn auch nicht so deutlich wie in der 15. Sitzung, vom ersten Vernehmungstag an. Die Gegenposition wird von Helfferich behauptet. Sie lautet in Übereinstimmung mit Ludendorff: Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg kam viel zu spät. Hätten wir nicht stets auf die Reichstagsmehrheit Rücksicht nehmen müssen, hätte die U-Boot-Waffe auch Erfolg gehabt. Helfferich formuliert das so: "'Der Reichstag ist dem U-Boot-Krieg in den Rücken gefallen.'" Bei intensiverer Beschäftigung mit der Dolchstoßlüge fällt auf, daß immer dann zu ihr Zuflucht genommen wurde, wenn die nationalistische Seite durch schlagende Argumentation mattgesetzt zu werden drohte. Deshalb scheint zur Offenlegung der Motive, der strategischen Fehler der OHL sowie dem Versagen der Zivilregierung geeigneter die U-Boot-Frage zu analysieren, als nach der Friedensbereitschaft Wilsons und des US-Senats zu forschen. Da dies stark von der Bewertung der Person Wilsons abhängt, die U-Boot-Frage hingegen ist empirisch lösbar. Und genau das führen die Ausschußmitglieder bei der Vernehmung der Admiräle und Bethmann-Hollwegs vor. Ihre Argumentation basiert auf bereits vor dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg gemachte Erfahrungen als erste Prämisse und setzen als zweite ein kleines Rechenexempel, um dann die Schlußfolgerung zu ziehen, daß der U-Boot-Krieg mit unzureichenden Mitteln geführt worden sei und daß deshalb die Vorstellung von einem Niederringen Englands durch die U-Boot-Waffe, bevor die US-Truppen in voller Stärke in Europa eintreffen, ein reines Wunschdenken gewesen sei. Aufgrund des vorliegenden Aktenmaterials, den Erinnerungen der Ausschußmitglieder an ihre Tätigkeit als Abgeortnete im Reichstag während des Krieges und den Aussagen Bernstorffs baut der Ausschuß das Argument auf: die Marine habe mit unzureichenden Mitteln den U-Boot-Krieg begonnen und damit die angespannte militärische Situation Deutschlands so verschärft, daß es mit Notwendigkeit zur Niederlage durch den Kriegseintritt der USA habe führen müssen. Diese Aussage erhält besonderes Gewicht unter der Berücksichtigung der Aussage Ludendorffs, der am 14. Sitzungstag in sehr geschickter Form die rethorische Frage stellte, ob nicht das Versagen der U-Boot-Waffe darauf zurück zu führen sei, daß man sie viel zu spät eingesetzt habe. Ludendorff formulierte dies so:

"Auf die Führung des Ubootkrieges vor dem 29. August gehe ich nicht ein. Ich nehme an, daß die Untersuchung auf diesen Punkt sich ausdehnen wird, um festzustellen, ob in dem späten Beginnen mit der Führung des uneinge- schränkten Ubootkrieges nicht eine schwerer militärische Unterlassung vorliegt." (Echo der Gegenwart,Nr. 271, 20. Nov. 1919, )

Obwohl seit Beginn der Vernehmungen Bethmann-Hollwegs, Bernstorffs, Helfferichs, Koch' und v. Capelle klar ist, daß der Untersuchungsausschuß exakt in die andere Richtung recherchiert, stellt Ludendorff die Dinge so dar, als wolle der Ausschuß die Frage klären, ob der uneingeschränkte U-Boot-Krieg nicht viel zu spät eröffnet worden sei. Das eine, was hervorzuheben ist, ist die Absurdität der Aussage, das andere ist die perfide Art, wie sie gemacht wird. Diese bewußt verquere Fragestellung wird dann noch die Spitze aufgesetzt, als Ludendorff fortfährt:

"Für den Generalfeldmarschall und mich war bei der Stellungnahme Ende August gegen den Ubootkrieg und damit gegen den Chef des Admiralstabs lediglich der Grund maßgebend, daß der Reichskanzler ein feindliches Handeln Dänemarks und Hollands unter dem Druck Englands in den Kreis seiner Berechnungen zog und wir keinen Mann übrig Hatten, um die Grenze zu schützen."
(Echo der Gegenwart Nr. 271)

Der Verweis auf den Kriegseintritt der kleinen Neutralen ist zwar berechtigt, lenkt aber dennoch vom eigentlichen kriegsentscheidenden Faktum, nämlich dem drohenden Kriegseintritt der USA, ab. Im Verweis auf die Neutralen bagatelisiert er lediglich das Problem. Nachdem er in der U-Boot-Frage, erstens den Spieß umgedreht und zweitens die Aufmerksamkeit auf das eher untergeordnete Problem der Neutralen gerichtet hatte, beginnt Ludendorff dann den Angriff auf die Sozialdemokratie, die den Sieg nicht gewollt habe, aus Angst vor dem "Militarismus". Die Absurdität der Behauptung Ludendorffs ergibt sich aus den Aussagen der Admiräle vom 8.Verhandlungsgtag. Dort hatte sich zu der Problematik "U-Boot-Krieg" folgendes ergeben: Die Überlegungen der Marine zum obtimalen Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges als Gegenmaßnahme zur Hungerblockade war, der U-Boot-Krieg müsse uneingeschränkt dann beginnen, wenn in England die Reserven der alten Getreideernte aufgebraucht, die neue Ernte aber noch nicht eingefahren sei, weil in dieser Zeit England am stärksten von US-Getreide abhängig sei. Also begann man am 1.Februar den uneingeschränkten U-Boot-Krieg mit 120 U-Booten. Dieser Einsatz führte nachweislich nicht zu dem Erfolg, den die Marine und die OHL in Aussicht gestellt hatten. Wenn nun Ludendorff behauptet, der U-Boot-Krieg sei deshalb gescheitert, weil man ihn habe so spät beginnen lassen, so lautet die Behauptung: es sei erfolgversprechender gewesen, ihn im März 1916 beginnen zu lassen, als die Marine lediglich über 38 U-Boote verfügt hatte.Zudem muß berücksichtigt werden, daß Ludendorff bei seiner Argumentation nicht nur die zu versenkenden Weizenlieferungen der USA anführte, sondern darüber hinaus, und dies eigentlich in erster Linie, die Munitions- und Erzlieferungen. Geht es bei der Argumentation der Admirälen um die Behauptung, im Jahre 1916 hätten 38 U-Boote gegenüber den US-Weizenlieferungen mehr ausrichten können, als 1917 120 U-Boote, so kommt bei Ludendorff noch die Aufstockung der zu versenkenden Tonnage der Munitionsfrachter hinzu, die diese 38 (seit Mai 1916 dann 50) U-Boote hätten auch noch versenken sollen. Gerade in diesem Argument, das sich besser als die Verhandlungs- und Friedensbereitschaft Wilsons und der Amerikaner insgesamt empirisch verisfizieren oder auch falsifiezieren läßt, zeigt sich, daß die Zeugen, die durch die genaue Recherche und geschickte Verhandlungsführung des Ausschusses immer mehr in die Rolle von Angeklagten gedrängt wurden, in der Gegendarstellung zu immer willkürlicheren Behauptungen greifen und diese als Argumente darstellten, so daß die Willkürlichkeit nicht erst mit der Dolchstoßlüe erreicht ist, sondern schon lange vorher.

Das sich aufbauende Argument mit dem impliziten Vorwurf der Ignoranz gegenüer den realen Machtverhältnissen oder auch des strategischen Deletantismus versuchten die Admiräle dahingehend zu entkräften, als daß sie den Ausschußmitgliedern hinsichtlich militärischer Fragen Inkompetenz vorhielten und dies, obwohl es sich bei der U-Boot-Frage um ein reines Rechenexempel handelte. Sie hielten sich an der unterschiedlichen Bewertung des Begriffs "Einsatzfähigkeit"der U-Boote auf. Denn zu allem Überfluß hatte der Ausschuß auchnoch festgestellt, daß nicht nur die 120 U-Boote, die 1917 den Erfolg nicht errungen hatten, nicht voll einsatzfähig gewesen seien, sondern auch die 38 Boote im Jahre 1916 waren nicht alle einsatzfähig gewesen. Worauf sich denn dann der Optimismus der Marine und der OHL 1917 und insbesondere 1916 gestützt habe, wollte der Ausschuß wissen. Als die Marineexperten auf die Inkompetenz der Ausschußmitglieder abzielten, konterten diese, daß bereits während der Ausschußsitzungen des Reichstages im Kriege die Admiräle offenbar bewußt ständig variierende Angaben über "einsatzfähige" U-Boote gemacht hätten, um der Zivielregierung eine klare Beurteilung der Erfolgsaussichten der U-Boot-Waffe zu erschweren. Die Frage die daraufhin offen bleibt, ist, wieso denn die OHL und die Marineleitung es dennoch versucht hätten? Hier wird nicht nur nach der militärischen Verantwortlichkeit gefragt, hier steht bereits die Frage nach der Kompetenz der Verantwortlichen im Raum. Da diese aber nicht ernsthaft bezweifelt wurde, blieben nur noch, wie auch immer geartete politische Motive. Mit anderen Worten: Cohn, Warmuth und Sinsheimer befanden sich auf der Spur nach den Motiven des "Präventivkrieges". Dies scheinen die Befragten zu erkennen und deshalb verweist Helfferich in der 10. Sitzung auf die Möglichkeit vor einen Staatsgerichtshof gebracht zu werden. Und fügt hinzu:

"'Welche Personen als Angeklagte in Frage kommen, darüber besteht nach den bisherigen Erfahrungen und Tendenz kein Zweifel; sicherlich sind es nicht Mitglieder der gegenwärtigen Regierung, sondern Mitglieder der früheren kaiserlichen Regierung." Vorwärts Nr. 580, 12. Nov. 1919)

Was den Vorwurf beinhaltet, daß demokratische System sitze über dem kaiserlichen prinzipiell zu Gericht, so, als gehe es hier um eine Generalabrechnung, die mit dem verlorenen Krieg alleine nichts mehr zu tun habe, als sei der Untersuchungsausschuß eine Art Revolutionstribunal, das sich nicht gerade der Wahrheit verbunden fühle im Gegensatz zu Helfferich, der wisse, daß er hier unter Eid gegen sich selbst aussagen müsse. "Trotzdem aber habe er den Eid geleistet und werde auf Grund dieses Eides die reine Wahrheit sagen." Worauf der Vorsitzende Warmuth den Vorwurf der Tendenzhaftigkeit des Ausschusses zurückwies.

Nachdem es Helfferich in der 10. Sitzung nicht gelungen war, den Ausschuß zu diskreditieren, und nachdem die U-Boot-Frage in der 11. Sitzung weiter behandelt wurde, holte Helfferich zum Befreiungsschlag aus, in dem er das Motiv des-in-den-Rücken-fallens wählte, das von Hindenburg vier Tage später mit dem Bild vom Dolchstoß auf den Punkt gebracht wurde. Der eine Fragenkomplex ist der nach der militärischen Sinnlosigkeit des U-Boot-Krieges und wieso er dennoch durchgeführt worden war. Diesem Fragenkomplex ist ein weiterer beigeordnet, nämlich der der Friedensbemühungen Wilsons. Aus den Inhaltsangaben des Stenographischen Berichts der Natinalversammlung ist zu erkennen, daß der Ausschuß immer stärker den Verdacht hegte, die deutsche Friedensnote von Dezember sei nur ein propagandistischer Winkelzug gewesen, um anschließend, nach ihrem eingeplanten Scheitern, den rücksichtslosen U-Boot-Krieg beginnen zu können. Die Friedensnote war demnach nur vordergründig an Wilson gerichtet, der eigentliche Adressat waren die Mehrheitsparteien der späteren Weimarer Koalition. Man wollte auf diese Weise die innenpolitischen Widerstände gegen den U-Boot-Krieg aus dem Weg räumen. Dies lassen zumindest die zusammenfassenden Sätze über die 5. Sitzung vermuten: Bethmann-Hollweg weist den Gedanken, die Regierung habe gegenüber Wilson ein Doppelspiel betrieben zurück, betont aber gleichzeitig den "Gegensatz zwischen Militär und Politik", der von Ludendorff in der 14. Sitzung geleugnet wird, in dem er behauptet, die OHL habe immer in größter Übereinstimmung mit der Regierung gehandelt, diese Aussage im Beisein Bethmann-Hollwegs!

Auch die Aussage des Zeugen "Verlagsdirektor Bernhard: ... erschreckt über das Doppelspiel.-" verweist auf den Zusammenhang von U-Boot-Krieg und Friedensnote. Auch Fritz Fischer stellt diesen Zusammenhang heraus. Der Ausschuß baute das Argument also immer weiter aus:
1.) Torpedierung der Wilsonschen Friedensbemühungen,
2.) Absenden eines Friedensscheinangebotes und dies alles
3.) zur Führung eines U-Boot-Krieges,
von dem man hätte bereits vorher wissen können, daß er nicht nur keinen Erfolg haben, sondern sogar Deutschlands militärische Niederlage herbeiführen würde. Gegen dieses sich durch Zeugenaussagen und Aktenmaterial aufbauende Argument wußten sich die vernommenen Zeugen nurnoch mit einer Aussage zur Wehr zu setzen: der Dolchstoßlüge. Helfferich bemühte mit seiner Aussage am 11. Sitzungstag inhaltlich den "Dolchstoß von Oben", der Reichstag sei der Flotte in den Rücken gefallen. Diese Dolchstoßvariante zeigt die "Innere Front" innerhalb des Parlaments auf, den Frontverlauf zwischen Nationalisten und Royalisten auf der einen Seite und Demokraten und Sozialisten auf der anderen. Die Behauptung vom Dolchstoß der Heimat durch Hindenburg ist dann der pauschale Angriff auf alles, was nicht zum Offizierscorps gehörte, beziehungsweise gewagt hatte, die OHL zu kritisieren. Später wurde von Ludendorff sogar General Gröner mit der Dolchstoßbehauptung belastet und ebenso von ihm Helfferich, weil er anfangs (bis Januar 1917) gegen den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gewesen war.

1.3.2. Die Position Helfferichs, die Wende im Untersuchungsausschuß, Vorbereitung der Dolchstoßbehauptung

Mit der Zeugenvernehmung Helfferichs am 10. und 12. November gewinnt vor dem Unterausschuß das alte Regime den Boden zurück, den es bei den Vernehmungen Bernstorffs, Bethmann-Hollwegs und den Admirälen Koch und Capelle bereits verloren hatte. Sehr ausführlich und insich schlüssiger Argumentation bringt Helfferich, mit zum Teil polemischen und theatralischen Einlagen angereichert, eine Widerlegung der Behauptungen, Wilson sei eine Friedenshoffnung für Deutschland gewesen und der mit unzureichenden Mitteln geführte U-Boot-Krieg habe Deutschlands Untergang herbeigeführt und somit die Verhältnisse heraufbeschworen, die nun jedem täglich vor Augen standen. Helfferich weist sich als geübter Redner aus, indem er auch die Einwände der Gegenseite - Ausschußmitglieder, Bernstorff - berücksichtigt und ihnen zum Teil Recht gibt, dann aber auf die Seite der OHL und Kaiser Wilhelms einschwenkt, um darzulegen, daß der U-Boot-Krieg auf Grund von Defaitismus verloren gegangen sei. So räumt er ein, daß im März 1916 die Zahl der U-Boote nicht ausreichend gewesen sei und ein Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges zu diesem Zeitpunkt "geraden Wegs zur Katastrophe geführt" hätte. Dann aber beginnt er einen sehr umfangreichen Vortrag, warum der Sachverhalt im Februar 1917 ein ganz anderer gewesen sei, der nicht hätte mit Notwendigkeit in die Katastrophe führen müssen (obwohl er es tat).

Um zu zeigen, daß die Situation 1917 nicht mit der von 1916 vergleichbar sei, liest Helfferich für Februar/März 1917 Zahlen einer beachtlichen Erfolgsbilanz von einsatzbereiten U-Booten und versenktem Schiffsraum vor. Durch dieses Auflisten von Erfolgen entsteht der Eindruck aufs Neue, daß England unter diesem Umständen eigentlich hätte kapitulieren oder um Friedensverhandlungen nachsuchen müssen. Die einzige Frage, die aber im November 1919 im Raum stand, war: Warum aber führte dieser am 1. Februar 1917 begonnene U-Boot-Krieg dann nicht zu dem Erfolg, den man - vorwiegend in der Öffentlichkeit durch die Alldeutschen propagiert - in Aussicht gestellt hatte? Wie immer, wenn das vom alten Regime gesetze Soll nicht mit dem Istzustand übereinstimmte, war dafür die Opposition und ihre "Flaumacher" verantwortlich, so auch hier. Der U-Boot-Krieg habe letztendlich keinen Erfolg gehabt, weil es im Reitchstag "Männer" gegeben habe, die "im Juli 1917 hier in diesem Saale dem U-Boot-Krieg in den Rücken gefallen seien." Ein Schreiben Admiral Holtzendorffs an Bethmann-Hollweg, vom 8. Dezember 1917, gibt darüber Auskunft, was und wen Helfferich gemeint haben könnte. Am 6. Juli hatte Erzberger im Hauptausschuß des Reichstages festgestellt, daß der erwartete Erfolg, England binnen weniger Wochen durch U-Boot-Krieg friedenswillig zu machen, ausgeblieben sei. Er nannte dies ein "'Versagen des U-Boot-Krieges'". Daraufhin, so Holtzendorff, hätten sich die Neutralen ermuntert gefühlt, ihre bis dahin größtenteils in den Häfen gehaltenen Schiffe wieder auf Englandfahrt zu schicken. Obwohl 1919 genügend einschlägige Aussagen über die mangelnde Effizienz der U-Boot-Waffe im Jahre 1917/18 vorlagen, stellt Helfferich dennoch die Dinge so dar, als gelte immer noch der Informations- und Erkenntnisstand von 1916/17. Das Zahlenmaterial, das Helfferich vorliest und äußerst geschickt in seinen wortreichen Vortrag einbaute, wies ihn vor dem Publikum des öffentlichen Ausschusses als einen äußerst kompitenten Mann aus. Genauso publikumswirksam, wie er die Einwände gegen den verhängnisvollen U-Boot-Krieg zerstreute, begegnete er auch den von Bernstorff vertretenen Standpunkt, daß Deutschland in Wilson einen Friedensvermittler gehabt habe.

Fast die gesamte 10. Sitzung über stellt Helfferich Wilson als einen Mann des Zauderns dar, der große Mühe gehabt habe, seine Sympathie für die Entente zu verbergen. Wilson habe das Spiel des Verbandes gespielt aufgrund der großen wirtschaftlichen Interessen, die die USA mit Großbritanien verbanden. In kleinsten Schritten stellt Helfferich dar, daß Wilson nur eine für Deutschland verhängnisvolle Verzögerungsstrategie betrieben habe. Als im August 1916 - Sommeschlacht, Abbruch der Verdunoffensive, Eintritt Rumäniens in den Krieg gegen die Mittelmächte - die Dinge für Deutschland auf der Kippe gestanden hätten, habe sich Wilson in Sachen Friedensinitiative sehr zurückgehalten, obwohl er eine solche bereits seit Frühjahr immer wieder versprochen habe. Als aber die Deutschen im Dezember ihre Stellungen an allen Fronten wieder konsolidiert und nun selbst auf dieser Basis eine Friedensnote an die Entente geschickt hatten, da habe sich Wilson plötzlich bewegt und eine eigene Friedensnote an die Kriegsparteien abgeschickt.

Dann behandelt Helfferich die Inhalte der Noten Wilsons, die Antwortnote der Entente auf das deutsche Friedensverhandlungsangebot von Dezember 1916, die Antwortnote der Entente auf Wilsons Offerte und Wilsons Rede vor dem Kongress am 22. Januar 1917 um dann festzustellen, daß die Vorstellungen einer Friedensordnung zwischen Wilson und der Entente weitestgehend übereinstimmten und sogar das vorwegnähmen, was im "Diktat" von Verailles den Mittelmächten auferlegt worden sei. Helfferichs Argumentation läuft darauf hinaus, zu behaupten, daß es aufgrund der großen Übereinstimmung zwischen den USA und England so oder so zum Krieg mit den USA gekommen wäre. Beide Argumente - Wilson als Verräter und U-Boot-Krieg als geeignetes Mittel - baut Helfferich über zwei Verhandlungstage auf: Am 10. Sitzungstag die Widerlegung, Wilsons als Friedensvermittler und am 11. Sitzungstag, den 14.November, die Widerlegung, die U-Boot-Waffe habe Deutschland den Verlust des Krieges eingebracht. Seine Schlußfolgerung lautete: Der U-Boot-Krieg war im Februar 1917 mit ausreichenden Mitteln geführt worden, und er hat die USA nur vordergründig in den Krieg eintreten lassen, denn die USA wären immer schon auf der Seite der Entente gewesen. Der Kriegseintritt der USA gegen Deutschland sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Daß der U-Boot-Krieg nicht den erhofften Erfolg gebracht habe, seien die gleichen Flaumacher schuld gewesen, die stets auf die Friedensmission Wilsons gesetzt hätten. Vergleicht man die Antwortnoten der Entente mit der Botschaft Wilsons an den Senat, so ergeben sich gewisse Ähnlichkeiten in den Vorstellungen über die Nachkriegsordnung, was die neue Landkartengestaltung für die Mittelmächte an betrifft. Dies betrifft besonders Österreich-Ungarn und die Türkei, Deutschlands Verbündete. Die Betonung der Souveränität der Nationen, wie sie in der Antwortnote der Entente auf Wilsons Friedensnote enthalten ist, stimmt mit der Monroe-Doktrin, wie sie Wilson in der Senatsbotschaft erwähnt, zumindest formal überein. Diese Übereinstimmung wird von Helfferich erkannt und als gegen Deutschland, gegen seine "Lebensinteressen" gerichtet, gesehen. Aus diesem Grund setzt er die Interessen der Entente und der USA als gleichermaßen feindselig gegenüber Deutschland. Daß jedoch die Ähnlichkeit zwischen der Entente und den USA nur auf die Terrritorialneugliederung zu beziehen ist, nicht jedoch auf ihre dahinterstehenden Motive, sieht Helfferich geflissentlich nicht. Denn für das alte System ist es belanglos, ob es zu einer Neuordnung Europas kommt, mit dem Ziel, Deutschland auf Dauer zu schwächen oder ob es zu einer Neuordnung kommt, mit dem Ziel, einer kollektiven Sicherheit mit völlig neuen Formen von Sicherheitssystemen und Krisenmanagement. Für das alte System bedeutet das eine wie das andere Konzept sein Ende. Aus diesem Grund kann Helfferich die USA und auch Wilson ohne weiteres zu Deutschlands Feinden rechnen, da mit "Deutschland" ohnehin stets nur die autoritäre Gesellschaft der oberen Steuerklasse gemeint war.

Die alten staatstragenden Schichten hatten sich von diesem Krieg eine Stabilisierung ihres Systems nach innen und außen durch einen Siegfrieden versprochen. Kollektive Sicherheits-systeme mit Krisenmanagement und Konsultativverfahren widersprach dem preußisch militanten Geist. Dies hatte bereits Deutschlands verhalten vor dem Krieg deutlich gezeigt. Preußen setzte zur Durchsetzung seiner Interessen ausschließlich auf militärische Macht als Druckmittel. Dies bringt Helfferich auch in einem Zitat zum Ausdruck: Entweder ein "'ehrenvoller Frieden oder einen ruhmvollen Untergang'" wollte er. Um das letztere sah man sich nun durch diejenigen, die einen Frieden ohne Anexionen und Kontributionen nach Wilsons Vorstellungen gewollt hatten, "bei aller Ehre" betrogen. Helfferichs Beurteilung der Wilsonnote gipfelt in dem Ausspruch: "Dank dem Gott, der uns vor diesem Friedensvermittler bewahrt hat." Danach fährt er mit einem Angriff auf die Mittelparteien, die er als Agenten dieses "Friedensvermittlers" ansieht, fort:

"Ich habe es nie begriffen und werde es nie begreifen, daß diese Senatsbotschaft Wilsons von dieser oder jener Seite als eine Bekundung des guten Willens, der Unvoreingenommenheit und der Unmparteilichkeit Wilsons angesehen worden ist." (Stenogr. Berichte der Nationalvers. S.526)

Und gegen Bernstorff gerichtet meint Helfferich, wenn Bernstorff in der Botschaft Wilsons eine Chance zum Frieden auch noch nach seiner Senatsrede vom 22. Januar gesehen habe, dann wohl nur deshalb, weil er durch seine lange Abwesenheit aus Deutschland nicht mehr die wahren Lebensinteressen seines Landes gekannt habe. Mit diesem letzten Affront wurde die Sitzung geschlossen, nachdem Helfferich bereits einige Zeit vorher klargestellt hatte, und dies war sein Hauptanliegen, daß nach seinen ausführlichen Darlegungen "die in früheren Sitzungen des Ausschusses erwähnten eingehenden Unterhaltungen an Bedeutung zurück" träten.

Nachdem nun Helfferich innerhalb zweier Sitzungen die Dinge für die Zeugen des alten Regimes und somit für die Anhänger der Deutschnationalen wieder zurechtgerückt hatte, ging er am 12. Sitzungstag weiter in die Offensive. Unter Anwendung der Inhalte, die später unter "Dolchstoßlegende" subsumiert wurden, verweigerte er dem Ausschußmitglied Cohn die Zeugenaussage mit der Begründung, er brauche niemandem Rede und Antwort stehen, "der Schuld am Zusammenbruch Deutschlands" habe. Cohn hatte von Helfferich Auskunft haben wollen über Aktivitäten von Deutschen, die in Yew York durch Frachtpapiermanipulationen (aber auch wegen Anschläge) vor Gericht gestellt und verurteilt worden waren, und so Deutschland in ein schlechtes Licht gerückt hatten. Die Frage nach diesen Aktionen war insofern von Bedeutung, weil Helfferich an den Verhandlungstagen zuvor behauptet hatte, die Stimmung der Amerikaner sei ohnedies gegen Deutschland gewesen und Cohn nun durch seine Fragen deutlich machte, daß die Deutschen selbst für die schlechte Stimmung unter den US-Bürgern verantwortlich waren. Helfferich wollte nicht wieder zurück hinter die Positionen, die er über zwei Tage nahezu vom Ausschuß unhinterfragt hatte aufbauen können. Der Ausschuß belegte Helfferich mit einem Bußgeld von 300 Mark gemäß Strafprozeßordnung und der Ausschußvorsitzende Warmuth (DNVP) trat unter Beifall des Publikums vom Vorsitz zurück, weil er mit der Verhängung eines Bußgeldes gegen seinen Parteigenossen nicht einverstanden war.

1.3.3 Pressestimmen und Kommentare zum Untersuchnugsausschuß und seinen Begleitumständen
"Im Winter 1917 unterhielt man sich über das Thema, wer den Frieden von Brest-Litowsk bewirkt habe, die russische Revolution oder der 'Hammer Hindenburgs'. Heute streitet man sich darüber, wer den Frieden von Versailles herbeigeführt hat, die deutsche Revolution oder der 'Hammer Fochs'".(Vorwärts Nr. 538, 21. Okt. 1919)

Unter diesem vorangestellten pointiert, polemischen Paralellismus läßt der Vorwärts am Vorabend der ersten Ausschußsitzung einen Militärschriftsteller zu Wort kommen, der auch später noch im 4. Unterausschuß als Sachverständiger gehürt werden würde und den Petzold als denjenigen bewertet, der unter den Sachverständigen die Dolchstoßlegende weitestgehend zurückweist. Dieser Militärschriftstelle, Oberst Schwertfeger, kam zu dem Schluß, daß der Zivielregierung nicht die Schuld am Zusammenbruch anzulasten sei, denn keine Regierung könne zu günstigeren Friedenbedingungen kommen, wenn ihr die reale Macht dazu fehle. Gemeint ist hier der Waffenstillstand, der einer Kapitulation gleich kam. Andererseits wird von Schwertfeger auch behauptet, daß das Heer 1918 noch eine gewisse Verteidigungsleistung hätte erbringen können, was bewirkt hätte, daß für die Friedensbedingungen deutscherseits noch ein gewisses Druckmittel existiert hätte. Dies sei der Regierung jedoch durch die Revolution aus der Hand geschlagen worden. Diese Argumentation wird bei Petzold als die Sammlung des bürgerlichen Lagers gegen die revolutionäre Linke verstanden, weil es zur Entlastung der Regierung des Prinzen Max von Baden und der Mehrheitsparteien führte, aber zu einer Belastung der Spartakusgruppe führte.

Die Frage ob Revolution oder militärischer Erfolg wird in diesem Zeitungsartikel so beantwortet, daß es jeweils beide Faktoren gewesen seien, die über Sieg und Niederlage entschieden hätten. Mit diesem modus vivendi bezieht das Organ der MSPD eine gefährliche Position, die sie leicht zwischen die Mühlsteine der Rechten und Linken geraten lassen konnte, und die ihr von einem Großteil des Zentrums und des liberalen Bürgertums auch nicht honoriert worden ist. Diese Position, die Niederlage sowohl auf den Sieg der Entente aber auch auf die Revolution zurückzuführen, konnte immer wieder gegen die MSPD verwendet werden. Der Vorwärts weist Fochs Vorstellung zurück, daß Deutschland am 10.November 1918 "'vor dem größten militärischen Zusammenbruch der Weltgeschichte gestanden habe.'" Mit dieser Zurückweisung eröffnet der Vorwärts, als Zentralorgan der MSPD, den Rechten die Möglichkeit die Dolchstoßinhalte gegen die MSPD anzuwenden. Da die MSPD, das Zentrum und die DDP die Träger des neuen Staatsprinzips sind, eröffnet die MSPD, durch ihre Auffassung von den Vorgängen der neuesten Geschichte, den Rechten also die Möglichkeit durch den massiven Angriff auf diese Partei gleichsam die Demokratie zu treffen. Eine Position, die den Waffenstillstand als militärische Kapitulation akzeptiert hätte, wäre besser geeignet gewesen, die Angriffe der militaristischen Rechten zurückzuweisen. So aber mußte jede Zurückweisung halbherzig sein. Das heißt, die SPD holte sich mit ihrer Vorstellung vom gerechten Verteidigungskrieg, der Vorstellung, daß das Heer 1918 nicht vollständig besiegt war in Verbindung mit der Revolution und der Tatsache, daß sie Gröner brauchte, um sich vor der radikalen Linken zu schützen, das Troianische Pferd ins Haus. Diese etwas verquere Betrachtungsweise des Vorwärts steht jedoch am Beginn des Untersuchungsausschusses und es ist dann, im Gegensatz zur Kreuzzeitung aber auch im Gegensatz zur Roten Fahne, dem Zentralorgan der KPD festzustellen, daß die Bewertungen der jüngsten Geschichte nicht unberührt bleibt, von dem, was der Untersuchnugsausschuß zutage fördert. Während die anderen Organe ihre Position durchhalten und völlig unbeeindruckt sind vom weiteren Werdegang der Verhandlungen. Die Kreuzzeitung verbreitet eine vorgefaßte Meinung, die sich, jelänger der Ausschuß tagt, immer mehr verfestigt. Für dieses Blatt ist der Ausschuß völlig überflüssig, da man die Dinge ja ohne dies schon kennt. Für die extreme Linke verhält es sich ähnlich, da ihre Polarisierung der Gesellschaft in "Rote" und "Weiße" ein differenzierteres Bild nicht zuläßt. Am 22. Oktober schreibt der Vorwärts:

"Man verläßt die erste Verhandlung des Untersuchungsausschusses mit dem Gefühl, daß alles Unglück des deutschen Volkes hätte vermieden werden können, wenn die Politik der Sozialdemokratie gemacht worden wäre: fester Wille zu energischer Landesverteidigung (...) und unbeirrbares Friedensstreben."(Vorwärts Nr. 540, 22.Okt. 1919)

Diese Aussage beinhaltet den "gerechten Verteidigungskrieg" und "Frieden ohne Anexionen und Kontributionen". Dies ist die Position, die der konservative Flügel der SPD durchhält gegen alle Kritik der USPD als auch gegen Kritik aus den eignen Reihen. Damit befindet sich ein Teil der demokratischen Linken in einer Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition, die der Position der Nationalisten nicht ganz unähnlich ist. Generell kann man sagen, daß alle die in der Zeit des Krieges maßgeblich an Entscheidungen beteiligt waren, eine Defensivsposition einnehmen, aus der heraus sie versuchten durch Angriff gegen ihre Kontrahenten herauszukommen. Bei der schwere der Vorwürfe und dem erdrückenden Beweismaterilial bleibt dabei manchem nur die Ignoranz und unsachliche Polemik.

Im Verlauf der Verhandlungen erheben sich immer größere Zweifel an dem Gedanken des Präventivkriegs als gerechten Verteidigungskrieg. Und mit der Veränderung dieser Position stellt sich auch immer dringender die bittere Frage nach der Rechtfertigung der Opfer. Lediglich für die nationalistische Rechte stellt sich diese Frage nicht. Hier erscheint jedes Opfer, auch die Aufopferung der gesamten Nation, als gerechtfertigt. Am nächsten Tag konfrontiert der Vorwärts seine Leser mit den ersten Enthüllungen. Unter dem Titel "Volles Lich" wird die Vernehmung des Botschafters Bernstorff veröffentlicht und kommentier. Es wird publik, daß der deutsche Atache v. Papen in New York seine Mission genutzt hatte, um als Koordinierungsstelle für Sprengstoffanschläge in den Dogs und auf den dortigen Handelsschiffen zu dienen. Es kam zu Gerichtsverhandlungen, die diese deutschen Anschläge in New York an die Öffentlichkeit brachten und diese gegenüber Deutschland negativ beeinflußten. Dieser Tatbestand ist von Bedeutung, da Helfferich genau zu diesem Thema dem Ausschußmitglied Cohn die Aussage mit der Begründung verweigerte, die Fragen von Vaterlandsverrätern brauche man nicht zu beantworten. Da Helfferich argumentierte, der Eintritt der USA sei ohnehin nur eine Frage der Zeit gewsen und dies unteranderem mit der negativen Einstellung der US-Bürger und des Senats gegenüber Deutschland begründet hatte, durfte die Frage, wie diese Negativeinstellung denn zustande kam, nicht beantwortet werden. Immer, wenn den Zeugen - Helfferich, Hindenburg, Ludendorff - bewußt wurde, daß sie nicht Zeuge, sondern eigentlich Angeklagte waren, praktizierten sie die Offensievverteidigung mit den Inhalten der Dolchstoßlegende.

In seiner Abendausgabe vom 23. Oktober weist der Vorwärts deutlich auf das historische Ereignis hin, daß der Untersuchungsausschuß darstellt. Es ist das erste Mal in der deutschen Geschichte, daß sich Politiker, Machthaber, öffentlich für ihre Entscheidungen und Handlungen verantworten müssen. Für die Deutschnationalen ist dies ein Skandal ohne Gleichen. Die sich durch Bernstorffs Aussagen aber auch aufgrund des Aktenmaterials, mit dem der Ausschuß die Zeugen konfrontiert, ergebenden Handlungsverlauf der beiden letzten Kriegsjahre ist für den Vorwärts "Der Sturz in den Abgrund" Es zeichnet sich ab, daß die OHL 1917 alle Möglichkeiten zu einem Verständigungsfrieden zu kommen, vorsätzlich ausgeschaltet hatte, um zu einem Siegfrieden zu kommen. Es zeichnet sich ab, daß mit der Friedensnote vom 12. Dezember ein doppeltes Spiel getrieben worden sein muß. Es werden Zusammenhänge zwischen Friedensnote und rücksichtslosem U-Boot-Krieg aufgezeigt. Daraus folgt, daß für den Diktatfrieden von Versailles die Militärs und die Alldeutschen in vollem Umfang verantwortlich sind.

"Das ist die Last, die sich in den Vernehmungssaal des Reichstags gesenkt hat.Das ist es, was die Mundwinkel eines Bethmann oder Helfferich zittern läßt, was die Stimme des Zeugen verschleiert, was seine Augen unruhig flackern läßt, ehe er die Fragen beantwortet. (...) Vom Thron gestürzt sind die Götzen. Vor dem Richterstuhl sitzen die ehemals Unverantwortlichen. (...) Wilhelm der Zweite ist erledigt. Das deutsche Volk lebt. Es regiert in Demokratie, klagt an und richtet." (Vorwärts Nr. 543, 23. Okt.1919)

Am dritten Verhandlungstag faßt der Vorwärts die Aussagen Bernstorffs zusammen, es ist das gleiche, was Bernstorff am 15. und letzten Vernehmungstag, am 14.April 1920, noch einmal sagen wird:

"Eine Friedensvermittlung Amerikas herbeizuführen, sei gar nicht die Hauptsache gewesen. Hauptsache war es, Amerika aus dem Kriege zu halten. Geschah das, so konnte die Entente uns nicht besiegen. Griff Amerika ein, waren wir fertig." (Vorwärts Nr. 543)

Jede Sitzung wird vom Vorwärts ausführlich behandelt. Es wird ein zusammenfassender und kommentierter Gesamtüerblick gegeben und anschließend folgt der ausführliche stenographische Sitzungsbericht.

Im Werk der Nationalversammlung umfassen die Stenoberichte des 15. Unter-suchnugsausschusses etwa achthundert Seiten in zwei Bänden. Der Vorwärts als auch die Kreuzzeitung haben diese Berichte nicht komplett widergegeben, sondern nur auszugsweise. Kreuzzeitung und Vorwärts führen auf der Basis dieser Sitzungsberichte und Kommentare eine große öffentliche Diskussion beziehungsweise Schlagabtausch. Da 1919 noch die Bildreportage fehlte, werden die Szenen im und vor dem Reichstag oft sehr eindrucksvoll beschrieben, so daß auch diejenigen, die sich nicht um die Portale des Reichstags drängten, um mitzuerleben, wer vernommen würde, dennoch das Gefühl hatten, mittendrin dabeigewesen zu sein.

Am 1. November berichtet der Vorwärts über die Vernehmung Bethmann-Hollwegs. Dabei wird der Satz separat und fettgedruckt herausgestrichen, in dem der ehemalige Reichskanzler vom "Verteidigungscharakter des Krieges" spricht, wohl in der Absicht, weil in diesem Punkt der Vorwärts die gleiche oder eine ähnliche Einschätzung vertritt, aber auch, weil von der Einschätzung "Verteidigungskrieg" oder "Angriffskrieg" die Gesamtbeurteilung abhängt. Eine Frage, die der 1. Unterausschuß behandelte und der im November noch genauso wie der 4. Unterausschuß in seiner Konstituierungsphase war. Die eigentliche Arbeit des 1. Ausschusses wurde laut "Tafel der Mitarbeiter" erst im März/April aufgenommen. Ebenso wird vom Vorwärts, als auch von der Kreuzzeitung , hervorgehoben, daß Bethmann-Hollweg auf die "Maschinerie der Haßstimmung (...) sowohl bei uns wie bei den anderen Mächten" hinweist, und daß diese, von der "Maschinerie", also dem Propagandaapparat, erzeugte Stimmung die Regierung in ihren Entscheidungen eingeengt habe. Dies gelte besonders für die U-Boot-Entscheidung im Februar 1917. Mit anderen Worten: die OHL, der das Presseamt unterstand, setzte die Regierung unter Druck mittels massiver Beeinflussung der Bevölkerung. In seiner Verteidigung vor dem Ausschuß sagte Ludendorff später, er habe versucht, das Presseamt unter eine ziviele Leitung zu stellen, aber diese habe das nicht gewollt. Womit er auch diesen Ball an die Zivielregierung zurckspielte. Der entscheidende Satz aber ist, daß das Friedensangebot vom 12. Dezember ein Kompromiß zwischen Zivielregierung und OHL gewesen sei und daß genau von dieser Konstallation der falsche Impuls an die Entente ausgegangen sei. Was den Schluß zuläßt: Hätte die Zivielregierung nicht auf die Vorstellungen der OHL Rücksicht nehmen müssen, die verlangte, aus einer Position der Stärke heraus Friedensverhandlungen unverbindlich anzubieten, sondern stattdessen mehr die tatsächlichen Machtverhältnisse berücksicht und ernste Absichten erkennen lassen, dann hätte es möglicherweise ernste Verhandlungen mit der Entente geben können. Da der 2. Unterausschuß die Frage zu klären hat, wer oder was hat zur Verlängerung des Krieges beigetragen, ist dieser Punkt, dargelegt vom Kanzler selbst, eine schwere Belastung für die Vertreter der OHL und die sie stützenden Kreise. Was Ludendorff später aber auch zurechtrückt durch seine Behauptung, die OHL habe immer in größter Übereinstimmung mit der Zivielregierung gehandelt. Sodann bringt Bethmann-Hollweg den Zusammenhang zwischen seiem Bemühen, eine parlamentarische Mehrheit für seine Politik im Juli 1917 zustandezubringen - er habe sich im Juli 1917 erstmals auf eine parlamentarische Mehrheit stützen könen (die spätere Weimarer Koalition) -, und seinem Sturz, der betrieben worden war durch die OHL und der von ihr kontrollierten öffentlichen Meinung. Der mit diesem Machtwechsel verbundene neue Regierungsstil ließ keinen Raum mehr für einen Frieden ohne Anexionen und Kontributionen. Auch hier wird wieder deutlich, daß Bethmann die Ansicht vertritt, daß der Krieg noch einen glimpflichen Ausgang hätte nehmen können, wenn er mit den Mehrheitsparteien hätte weiter regieren können.

Der Jahrestag der Revolution findet seine besondere Würdigung in den Zeitungen. Er gibt Anlaß zur Zwischenbilanz, die je nach ideologischem Standort ausfällt. Da der Jahrestag in die Vernehmungsphase des Unterausschusses fällt, werden die Themen Revolution und Ausschuß miteinander verbunden. Bereits am 4. November stellt der Vorwärts unter der Überschrift "Am Springquell der Revolution" die alten Herrschaftsstrukturen des wilhelminischen Deutschlands dar. Er beschreibt die Gesamtsituation der Mittelmächte bei Kriegsende und zeigt den Zusammenhang zwischen militärischer Niederlage und Militärautokratie auf. Allein die Militärs mit ihrer Fehleinschätzung der Gesamtlage und ihren Vorstellungen von Siegfrieden hätten mit den Alldeutschen zusammen die Verantwortung für das Desaster des verlorenen Krieges zu tragen. Und es sei nichts frivoler als die Behauptung, daß deutsche Volk habe im Krieg versagt. Weiter führt das Blatt aus: Die Beseitigung der Komandogewalt des Kaisers, durch die Parlamentsreform am 28. Oktober 1918, sei ein wesendlicher Schritt der Revolution gewesen. Der Aufstand der Matrosen im Npvember hingegen sei in erster Linie unter dem Aspekt der Loyalität der Matrosen zur neuen Regierung (Max v. Baden) zu sehen, die sich gegen den Befehl der Marineleitung zur Wehr gesetzt hätten, dmit ihrem Flottenangriff in letzter Minute die Friedensbemühungen der neuen Regierung zu torpedieren. Damit sieht die MSPD und der "Vorwärts" den eigentlichen Akt der Revolutionierung der alten Verhältnisse in der Parlamentsreform vom Oktober und weniger in den Ereignissen des 9.Novembers, eine Position die jedoch nicht durchgehalten wird. Die Kreuzzeitung macht sich den amphibischen Charakter der MSPD Positionen zur Revolution und den Folgen zunutze. Unter der Überschrift "Revolutionsfeiern" behandelt das Blatt ausführlich die ambivalente Position der MSPD. Die MSPD versucht ihre Position hinsichtlich der Revolution zwischen der KPD und der DNVP zu behaupten.

Die einen verlachten die Revolution, weil sie nicht konsequent genug geführt worden sei, die anderen behaupteten, "daß sich das Kaiserreich noch hätte retten lassen. Beide Standpunkte sind indessen nichts als die Gegenpole derselben Beschränktheit. Revolutionen lassen sich ebensowehnig machen, wie künstlich aufhalten, wenn die Zeiten erfüllt sind"(Vorwärts Nr. 564, 4. Nov. 1919)

Dies sieht die Kreuzzeitung anders. Die Methode aber, mit der sie ihre Sichtweise der Dinge als wirklich wahr darstellt, ist die gleiche, mit der zehn Tage später Hindenburg die Wahrheit des Dolchstoßes belegen wird: Man zitiert den Gegner, der es selber gesagt haben soll. Ein erprobter Propagandatrick aus dem Weltkrieg.

"Das Soll und Haben des ersten Revolutionsjahres schließt mit einem furchtbaren Fehlbetrag ab. Wohl oder übel muß das auch von den Sozialdemokraten zugegeben werden. In ihrem wissenschaftlichen Organ, der 'Neuesten Zeit' legt Heinrich Counow ausführlich dar, welchen Illusionen man zum Opfer gefallen sei."(Kreuz-Zeitung, Nr. 542, 8. Nov. 1919)

In diesem Beitrag zum Jahrestag der Revolution wird im wesendlichen das Bild entwickelt, wie die Sozialdemokraten Wilson auf den Leim gegangen seien und als Folge, für jeden deutlich spürbar: "die völlige Versklavung des deutschen Volkes." Die Sozialdemokraten hätten sich zwar die Freiheit auf die Fahnen geschrieben. Was aber sei dies für eine Freiheit in Hunger und Not. Nun erst sähen sie, was sie mit ihrer Revolution angerichtet hätten. Daraus ließ sich gut schlussfolgern, daß für die zerrütteten Finanzen der Nachkriegszeit nicht die Kriegskabinette, sondern die Revolutionsregierung, also Erzberger zuständig sei.

"Worin", so fragt das Blatt, "liegt nun die Wurzel allen Übels? Sie liegt darin, daß die Revolution eine Klasse von Staatsbürgern an die Macht und der Staatsgewalt gebracht hat und daß diese sie zu ihrer schrankenlosen Bereicherung ausnutzt. Tausendmal ist es auch von sozialdemokratischer Seite angesprochen worden, daß die Arbeiter die Revolution zu einer großen Lohnbewegung gemacht hätten. (...) Heilung wird deshalb auch erst möglich sein, wenn unser Staatswesen wieder die Kraft hat, sich von der Diktatur der einen Klasse zu befreien (...)."(Kreuz-Zeitung, Nr. 542, 8. Nov. 1919)

Hier werden, wie auch beim Kriegshilfsdienstgesetz von 1916, die gemeinsamen Interessen zwischen den Vertretern des alten autokratischen, militaristischen Staatswesens und der Großindustrie deutlich. Gemeinsam gilt ihr Kampf dem demokratischen Staat, besonders aber, nachdem die kommunistische Revolution abgewehrt ist, der Sozialdemokratie. Die Art und Weise, wie die Kreuz-Zeitung ihren Lesern die "Wahrheit" über das erste Revolutionsjahr verkauft, ist die gleiche, wie auch die Dolchstoßlegende als "wahr" belegt werden soll: man legt dem Gegener selbst die eigne Aussage als die "Wahrheit" in den Mund.

In Ihrer Ausgabe vom 14.11. würdigt die Kreuzzeitung das Auftreten Helfferichs vor dem Untersuchnungsausschuß. Zutreffend wählte sie den Untertitel: "Helfferich als Ankläger" und zeigt damit an, daß die Vertreter des alten Regimes mit Helfferich ihre Verteidigungsposition aufgegeben hatten und nun in die Offensive gingen. Besonders erfreut zeigte sich das Organ der DNVP darüber, daß es Helfferich gelungen sei, den "Götzen Wilson Stück für Stück zerschlagen" zu haben, "denn von ihm war auch ohne Ubootkrieg nur eine Vermittlung mit dem Gewehrkolben zu erwarten (...)." Unterstrichen werden auch die von Helfferich aufgeführten großen Erfolge der U-Boote, die aber nicht zum Endsieg führten, weil es der Mehrheit des Reichstages am Siegeswillen gefehlt habe. Und so hätten die Sozialdemokraten nun den Frieden, den sie gewollt hätten. Noch kräftiger trägt das Blatt am 17.11. auf. In einer Polarisierung von Guten und Minderwertigen werden die Ausschußmitglieder Cohn und Sinsheimer allein schon wegen ihrer "Rasse" zu den Minderwertigen gezählt, die vom Untersuchnungsausschuß, dem "Tribunal" und "Femegericht" auch noch "geschützt" würden.Aber diese "Elemente" seien eben das Aushängeschild gewisser Kreise, die ihre "sozial-demokratische Republik" auf "Landesverrätern" und "Fahnenflüchtige" gegründet habe.

"Doch wir wollen das Thema des Judentums beiseite lassen und nur die Frage stellen, die wir schon einmal aufwarfen in einer allgemeinen Besprechung über den Antisemitismus. Warum stellt sich das Judentum schützend vor seine schlechten Elemente? Ist es dann zu verwundern, wenn der Trennstrich zwischen Semiten und Ariern noch schärfer gezogen wird? 'Sage mir, mit wem du umgehst und ich werde dir sagen, wer du bist." (Kreuz-Zeitung, Nr.557, 17.Nov.1919)

Die Dolchstoßlegende alleine reichte nicht aus, um die Mitglieder des Ausschusses zu "brantmarken", es mußte auch der weitverbreitete und sich seit dem "Steckrübenwinter" von 1916 weiter verschärfende Judenhaß bemüht werden, um den verhassten Untersuchnungsausschuß als eine Schande Deutschlands darzustellen. Man gab sich nicht mit der Wende im Ausschuß, die Helfferich herbeigeführt hatte, zufrieden, sondern zielte eindeutig auf die Vernichtung des Gegners mit allen Mitteln ab. "Wir oder die anderen. Das ist die Losung."

Ein wesendliches Merkmal der Dolchstoßlegende ist ihr zur Vernichtung des Gegners auffordernder Judenhaß, der immer eine Beziehung herstellt zwischen jüdischer, weltweit agierender Konspiration und dem deutschen Desaster des Weltkrieges, den das "internationale Judentum" angezettelt hätte sowie dem Verlust des Krieges, der ebenfalls auf das Konto der Juden ginge. Die Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung gegen die Deutschen, ihre Wirtschaft und Kultur, ist ein Grundbestandteil der Dolchstoßlegende.

Literaturhinweise