Weimarer Republik


Zurück zur Kapitelübersicht oder Zurück zur Homepage

Weiterführende Links

Weitere Stichworte:

Die Dolchstoßlegende


Hautteil IIIb


1.3.4. Der Auftritt Hindenburgs und Ludendorffs vor dem Zweiten Unterausschuß

Die Bühne für den Auftritt des "Titanen" war von Helfferich längst vorbereitet. Widerlegungen brauchten die Generäle nicht mehr vorzunehmen. Sie brauchten nur noch das zu bestätigen, was Helfferich bereits vorher ausgesagt hatte. War in den Tagen zuvor das Argument das entscheidende, so war es jetzt das theatralische der Helden von Tannenberg, der seit den Augusttagen von 1914 immer größer gewordene Mythos Hindenburg, der für das angeklagte alte Regime in die Wagschale geworfen wurde. Die Ankunft Hindenburgs am 12. November im Bahnhof Zoo war ein großes nationales Spektakel. Ludendorff, Helfferich, Vertreter der OHL und eine Brigade der Reichswehr standen zur Begrüßung auf dem Bahnsteig. Draußen vor dem Gebäude stand eine nach "tausenden zählenden Menge", die kaum als Hindenburg erschien, ihm Ovationen darbot und die Nationalhymne anstimmte. Von diesem Tag an bis zur Abreise Hindenburgs rissen die Kundgebungen für ihn nicht mehr ab, und dies, obwohl wegen des Ausnahmezustands Versammlungsverbot herrschte und viele der öffentlichen Plätze kreuz und quer mit Stacheldraht überspannt waren, damit auf ihnen keine Versammlungen stattfinden konnten. Zudem war das Straßenbild geprägt von Schutztruppen. Am 15.11. rief deshalb Hindenburg selbst "alle vaterländischen Kräfte" dazu auf, wegen des Versammlungsverbots von weiteren Kundgebungen unter freiem Himmel abzusehen. Dieser Aufruf war erfolgt, nachdem am Vortag eine größere Anzahl Studenten und Schüler Hindenburg den Weg zum Untersuchungsausschuß versperrt hatten, da sie es für eine unerträgliche nationale Schande hielten, ihre Heroen vor dem "Tribunal" sehen zu müssen. Daraufhin wurde die Vernehmung der Generäle vom 14. auf den 18. November verlegt. Um den 18. als Vernehmungstag sicherzustellen, ließ der Reichswehrminister verlautbaren, daß gegen eine solche Demonstration künftig unter Anwendung der Gesetze des Ausnahmezustands mit allen Mitteln vorgegangen werde. Auf die dennoch weiter anhaltenden deutschnationalen Demonstrationen rief der Vorwärts am 15. November unter dem Titel "Nieder mit der Reaktion" zu Gegenveranstaltungen in großen Berliner Kneipensälen auf. Der Vorwärts sah zwischen den Demonstartionen und Helfferichs "Überfrechheit" vom Vortag einen Zusammenhang.

"Je mehr die Untersuchungen und Veröffentlichungen über den Weltkrieg die verbrecherischen Taten des alten reaktionären Regimes dem Volke zum Bewußtsein bringen, desto frecher erhebt die Reaktion, die heute in der Deutsch-Nationalen-Volkspartei verkörpert wird, ihr Haupt." (Vorwärts, Nr. 585, 15.Nov. 1919)

Unter der Unterüberschrift "Helfershelfer Clemenceaus" schreibt der Vorwärts, daß es nun wieder so sei wie vor dem Krieg, die "Alldeutschen" der Entente und die eignen wiegelten sich mit ihrer Scharfmacherei mal wieder gegenseitig auf, und belasteten so die internationalen Beziehungen erheblich. Das gesamte, von den Nationalisten initiierte Hindenburgspektakel führe dazu, daß die Hungerblockade gegen Deutschland weiter bestehen bleibe. Auf die Forderung des Vorwärts, alle öffentlichen Aktivitäten der Nationalisten zu untersagen, antwortet die Kreuz-Zeitung mit einem Artikel, der aussagt, die Linken beabsichtigten den Bürgern das Recht auf Demonstration für ihre immernoch gefangenen Verwandten zu verbieten. Denn nur diesem Zweck, darauf hinzuweisen, daß nach einem Jahr Waffenstillstand und nun auch Friedensvertrag immernoch hunderttausende in Kriegsgefangenschaft seien, diene die angekündigte Demonstration. Anstatt die 'Reaktion' zu bekämpfen, sollten sie sich lieber für die Gefangenen einsetzen. Es gibt nun kaum noch eine Ausgabe der Kreuz-Zeitung in der die Sozialdemokraten nicht in irgendeiner Weise, entweder offen oder verdeckt, als völlig verruchte Schweinhunde dargestellt werden, die nicht mehr den geringsten Funken Anstands im Leib hätten. "Die Konservativen und Deutschnationalen", so behauptet das Blatt, seien sonst ruhige Staatsbürger, "vielleicht zu ruhige Staatsbürger". Aber einmal laufe das Faß über.

"Die zynische und erniedrigende Methode der Matadore des Untersuchnungsausschusses, der Cohn, Katzenstein, Sinsheimer, die Beleidigungen eines Minister David, die würdelosen Deklamationen der Pazifisten müsse jeder, der deutschen Blutes sei, aufs äußerste reizen. Die Abfuhr, die jene Sippschaft gestern von Dr. Helfferich und von Herrn Bethmann Hollweg erfahren habe, werde ein tausendfaches Echo bei allen finden, die durch die Schmach der Revolution und des Versailler Friedens nicht sich selbst aufgegeben hätten." (Kreuz-Zeitung, Nr. 555, 15.11.1919)

Danach folgt ein Katalog Eigenschaften, mit dem die Guten voller nationaler Gesinnung und äußerst ehrenhaft dargestellt werden und die linken als Verräter, als Minderwertige. Alles in einer krassen Schwarz-weiß-Malerei: die Kräfte des Lichts gegen die Mächte der Finsternis. Im Rahmen dieses Presseszenarios und unter den Eindrücken der Umzüge auf den Straßen ruft der Vorwärts am 16. November zur Verteidigung der Republik auf. Wegen des Ausnahmezustands wird wieder nur zu Versammlungen in Lokalen aufgerufen - die Nationalisten hingegen riefen zu versammlungen auf der Straße auf -. Die Versammlungen der Sozialdemokraten stehen unter dem Motto: "Für Republik und Volksherrschaft" und wenden sich gegen antisemitische Volksverhetzung und Jugendvergiftung durch die Deutschnationalen, die eine "Revolte gegen die Wahrheit" losgetreten hätten. In dem Artikel heißt es:

"Die Weigerung Helfferichs, als Zeuge auf die Frage eines Mitglieds des Untersuchnungsausschusses Rede und Antwort zu stehen, war die absichtliche, wohlberechnete und zugespitzte Schlußaktion einer systematisch geführten (...) Agitation gegen den Untersuchungsausschuß. Sie hat ihren Grund in der Furcht vor der Wahrheit."(Vorwärts, Nr. 587, 16. Nov. 1919)

In der gleichen Ausgabe wendet sich der Vorwärts den nationalistischen Jugenddemonstrationen zu und verurteilt die "verbrecherische Tendenz" für die die Alldeutschen verantwortlich seien.

"In unzähligen Reden und Artikeln wird den Jugendlichen der Gedanke suggeriert, daß sie zum Rächer der deutschen Ehre bestimmt sei", daß sie gutzumachen habe, "was das Geschlecht der Revolution und des Friedens von Versailles verloren hat."(Vorwärts, Nr. 587, 16.Nov.1919)

In diesem aufgeheizten Klima kommt es am 18. November zur Vernehmung der eigentlichen Hauptpersonen des alten Systems. Als Hindenburg vor dem Reichstag vorfuhr, kam es dort

"zu lebhaften Kundgebungen, wobei die Scheidung der Kundgebenden in zwei Lager sich deutlich bemerkbar machte. Auf der einen Seite ließ man Hindenburg hochleben, auf der anderen erklärte man sich für die Republik." (Echo der Gegenwart, Nr. 271, 20. Nov. 1919)

Als erster wurde Hindenburg befragt. Nachdem er gegen den Ausschuß die gleichen Vorbehalte zum Ausdruck gebracht hatte, wie vor ihm schon Helfferich, verlaß er entgegen den Vereinbarungen des Ausschusses einen vorgefaßten Bericht, der es ihm gestattete Fragen des Ausschusses fürs erste nicht zu beantworten, statt dessen aber das gesamte Repertoire dessen vorzutragen, was man später unter Dolchstoßlegende subsumierte. Einmal, so behauptet er, war es der Streit der Parteien, der alles verdorben habe, dann ist es zur Abwechslung die Heimat, die dem Heer in den Rücken gefallen sei,dann wiederum sind es die Marine und das Heer selbst, die nichts mehr wert gewesen seien, wegen der "Wühlereien" der Linken. Dann wird wieder ein ganzer Teil des Heeres herabgewürdigt: die zweihundert Divisionen, die 1918, nach dem Separatfrieden mit Russland, vom Virus der russischen Revolution infiziert an die Westfront geworfen wurden, hätten zu allem Überfluß auch noch den Rest des Heeres "verseucht". Dann wird eingeräumt, daß jedoch dem "guten Kern des Heeres" - vermutlich das Offizierskorps - keine Schuld treffe. Auch findet sich in seiner Rede plötzlich wieder Lob für das Volk, das unsägliches ertragen und Großes geleistet habe, so daß man sich fragt, ob Hindenburg hier noch immer das selbe Volk meint, das er vorher noch unter der Vokabel "Heimat" des Verrats bezichtigte. Immerwieder wird der Vortrag Hindenburgs unterbrochen, weil der Vorsitzende Gothein ihn bittet, zur Sache auszusagen und sich mit Werturteilen über die "Heimat" zurückzuhalten. Darauf antwortete Hindenburg: "Die Geschichte wird über das, was ich nicht weiter ausführen darf, das endgültige Urteil sprechen." Dann wendet er sich, ohne es im einzelnen zu erwähnen, dem Kriegshilfsdienstgesetz zu und stellt zwischen dessen parlamentarischer Verwässerung und der heimlichen "Zersetzung von Heer und Flotte" zumindest einen zeitlichen Zusammenhang her, so, als wäre dies alles ein von oben geplanter Vorgang gewesen.

"Als wir unser Amt übernahmen, stellten wir an die Reichsleitung eine Anzahl von Anträgen, um die Zusammenfassung aller Kräfte herbeizuführen. Was schließlich wieder durch die Einwirkung der Parteien aus unseren Anträgen geworden ist, ist bekannt. Ich wollte Kraft und Mitarbeit gewinnen, bekam aber Versagen und Schwäche. (...) Die Heimat hat uns von diesem Augenblick an nicht mehr gestützt. Seit dieser Zeit setzte auch die heimliche Zersetzung von Flotte und Heer ein. (...) Unsere Forderung: strenge Zucht und strenge Handhabung der Gesetze durchzuführen, wurde nicht erfüllt. So mußten unsere Operationen mißlingen, so mußte der Zusammenbruch kommen. Die Revolution bildete nur den Schlußstein. Ein englischer General sagt mit Recht, die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden. Was die Entente sagt, bedarf keines Beweises."(Echo der Gegenwart, Nr. 271, 20. Nov. 1919)

Die Verbindung von Dolchstoßinhalten und dem Gesetzgebungsverfahren zum Vaterländischen Hilfsdienst, der eines der "Anträge" war, als auch die Äußerungen der Kreuz-Zeitung zum Jahrestag der Revolution, daß die Diktatur der einen Klasse gebrochen werden müsse, um wieder vernünftig wirtschaften zu können, zeigen, daß die Dolchstoßlegende nicht nur eine Verlagerung der Schuld am verlorenen Krieg auf die Mehrheitsparteien und die "Heimat" ist und daß es sich hier nicht nur um die Verteidigung der Royalisten geht, sondern daß es hier im Wesentlichen um einen sozialgesellschaftlichen Konflikt geht, der aus der Verteidignugsposition der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts herrührt und als deren Anwalt die DNVP und ihr Sprachrohr die Kreuz-Zeitung auftritt. Der hohe Grad an Interessengleichheit zwischen OHL und Schwerindustrie hinsichtlich der Kriegsziele aber auch bezüglich der autoritären Ordnungsvorstellungen im Staat verweisen darauf, daß die Inhalte der Legende nicht nur von den Militärs vertreten wurden, sondern auch vom gesamten bürgerlichen Konservatismus, und daß die Instrumentalisierung der Legende in der Verteidigungsposition dieser Gesellschaftskreise gesehen werden muß.

Nach Hindenburg wurde Ludendorff befragt, der im Wesentlichen zur U-Boot-Frage und zum Thema Wilson nochmal wiederholte, was Helfferich bereits an den Tagen zuvor lang und breit ausgeführt hatte. Als Ludendorff dann aber duch den Vorsitzenden nochmals mit Aussagen Bernstorffs konfrontiert wurde, die zur Kernaussage hatten, daß die OHL gar keinen Frieden und somit auch keine Vermittlung gewollt habe, da sie im Dezember 1916 glaubte, der Entente einen Siegfrieden aufzwingen zu können, wird Ludendorff aufbrausend. Es sei unverschämt, ihm unterstellen zu wollen, daß er dem deutschen Volk habe keinen Frieden bringen wollen - was Bernstorff auch so nicht behauptet hatte - und daß seine Mitarbeiter alle zu diesem Thema vernommen werden müßten. Danach äußerte er sich in heftigem Tonfall und geringschätzig über Bernstoff, den er noch nie sonderlich geschätzt habe. Im Anschluß daran sieht Ludendorff sich zutiefst in seiner Ehre verletzt und macht diese zum Thema des Ausschusses. Daraufhin mußte sich der Ausschuß zurückziehen, um darüber zu beraten, ob tatsächlich Ludendorffs Ehre berührt worden sei. Da anschließend die Frage der Ludendorffschen Ehre für den General nicht befriedigend beantwortet wurde, redete er sich dann so in Rage, daß die Verhandlung abgebrochen und auf unbestimmte Zeit vertagt werden mußte. Als die Feldherren den Reichstag verließen, rief die nationalistische Menge: "Nieder mit den Juden, heraus mit den Juden!" Und meinte damit wohl die Mitglieder des Ausschusses. Am Tag nach Auftritt der Generäle titelte der Vorwärts: "Der Ausschuß als Kasernenhof" und unter der Unterüberschrift: "Der Kopf Deutschlands" schreibt das SPD-Organ: "Die letzten Illusionen sind gefallen", nun sei das deutsche Volk um einige Illusionen ärmer, aber um einige Erfahrungen reicher. Der Ausschuß habe ihnen die Augen geöffnet für die Motive des alten Regimes, wie es durch Ludendorff und Helfferich vertreten worden sei. Besonders Ludendorff steht da, als der Kopf der Reaktion, als ein Mann, der nie das Format besessen, daß man ihm zugesprochen habe. Hindenburg sei lediglich ein "sympathischer alter Regimentskommandeur", dessen Reiterstandbild vor der Siegessäule man bereits wieder entfernt habe. Wie gefährlich Hindenburgs Dolchstoßbehauptung war, wurde offenbar am Tag danach noch nicht erkannt, so sehr hatte man sich schon an derlei Vorwürfe gewöhnt. Es wurde nicht erkannt, daß alle Motive - Flaumacherei, Wehrzersetzung und Hochverrat - hier in einem äußerst prägnanten Bild zusammengefaßt worden waren und so erst zu einem gefährlichen Schlagwort wurden.

Ein Blick über die das Thema "Dolchstoß" betreffenden Zeitungsartikel hinaus zeigt, wie die Ereignisse vor dem Untersuchungsausschuß eingebunden waren in den Themenbereich "Baltikum" und "Weltrevolution". Die Kommandeure der Freikorps weigerten sich Ende 1919, ihre Kämpfer zu entlassen bzw. ihre Truppen ins Reich zurück zu führen, so daß die Regierung Scheidemann ihnen bei Befehlsverweigerung sogar mit der Entziehung der deutschen Staatsbürgerrechte drohen mußte. Die militante Rechte ihrerseits sah in den Truppen im Baltikum ein Mittel zur Rückeroberung der Macht im Reich, so daß der Kapp-Lütwitz-Putsch vor dem Hintergrund der Freikorpsaktivitäten, als auch vor dem Auftreten der Vertreter des alten Regimes vor dem Untersuchungsausschuß zu sehen ist.

Das andere Thema, die Angst des Bürgertums vor der Weltrevolution, war begründet mit dem Erfolg der "Roten" in Rußland. Es wurde forciert, durch die Spartakusereignisse in Deutschland, aber auch in einem gewissen Maße durch die Streikbewegungen in Paris, so daß sich die "Reaktion" auch hier in einer verschärften Verteidigungsposition zur Rettung der "Kultur" und "Zivilisation" wähnte. Andere kleine Zeitungsartikel vermelden während der Tage vor dem 18. November 1919 Übergriffe rechter Schüler- und Studentengruppen auf Versammlungen der Linken. Dabei wurden Methoden angewandt, wie sie später bei der SA an der Tagesordnung waren. Die "Rote Fahne" berichtet im März 1920 sogar von einem Übergriff des Prinzen Joachim Albrecht und seinem adligen Anhang auf französische Gesandte im Hotel Adlon in Berlin. Insgesamt belegen die Stimmungsberichte der Zeitungen, daß die Verhandlungen in einem politischen Klima stattfanden, das geprägt war von Revolutionsstimmung und monarchistischer, militaristischer Reaktion. Die revolutionäre Situation ist auch der Grund, weshalb im Zentralorgan der KPD, "Die Rote Fahne", kein Artikel über den Untersuchungsausschuß zu finden ist.

"Zum dritten Mal muß(te) die 'Rote Fahne ihr Erscheinen einstellen. Das erste Mal, im Januar, fielen ihre Begründer, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg unter den Kolbenhieben der Bravos Ebert-Noskes, die Re- daktionsräume wurden zerstört und militärisch besetzt, die Druckerei von Maschinengewehrfeuer durchsiebt. das zweitemal, im März, wurde die 'Rote Fahne' gemeuchelt, damit der Weg freiwerde für das große Massakre, mit und ohne Staatsrecht".(Die Rote Fahne, Nr. 70, 09. Mai 1919)

In den Monaten von Mai bis Dezember 1919 konnte sie nicht erscheinen, weil man ihr die Papierzufuhr sperrte. Als sie dann ab Dezember wieder erschien, wurde der Untersuchungsausschuß in keiner Weise thematisiert. Ihr Raster der krassesten Polarisierung zwischen "Roten" und "Weißen", zu denen auch die MSPD gezählt wurde, ließ für eine kritische Betrachtung der Ereignisse keinen Raum. Breitesten Raum, hinsichtlich stenographischer Berichte und Kommentare, nahm hingegen - wie dargestellt - der Ausschuß im Vorwärts aber auch in der Kreuz-Zeitung ein. Dagegen beschränkte sich das Zentrumsblatt "Echo der Gegenwart" aus dem von Ententetruppen besetzten Aachen vornehmlich auf neutrale Berichterstattung.

1.4 Die Arbeit des Vierten Unterauschusses

Im Gegensatz zum Zweiten, waren die Verhandlungen des Vierten Unterausschusses nicht öffentlich. Darüber hinaus ist bemerkenswert, daß dieser Unterausschuß sich nicht nur mit der ihm gestellten Aufgabe beschäftigte, die ihm vom Gesamtausschuß zugewiesen worden war: die Untersuchung der Gründe für den Zusammenbruch 1918, sondern darüber hinaus beschäftigte er sich auch bereits ausführlich mit den Bewertungen des Kriegsendes, wie sie im Zweiten Unterausschuß von Helfferich, Hindenburg und Ludendorff vorgenommen worden waren. Das heißt, der Vierte Unterausschuß beschäftigte sich bereits mit in der Öffentlichkeit gemachten Bewertungen des Zusammenbruchs obwohl er für diese Bewertungen zuständig gewesen wäre. Im sechsten Band dieses Ausschusses reflektiert der Ausschuß also bereits kritisch über sich selbst und weniger unmittelbar über die Ereignisse von 1918. Diese Form der Auseinandersetzung um die Gründe des deutschen Zusammenbruchs hält Joachim Petzold für weitaus gefährlicher, als die dreisten Behauptungen Helfferichs, Hindenburgs und Ludendorffs im Zweiten Unterausschuß, weil in dieser Form die Dolchstoßlegende, seiner Auffassung nach, einen wissenschaftlich fundierten Charakter erhalten habe und so auch für ein akademisch gebildetes liberales Bürgertum akzeptabel geworden sei. Petzold sieht das Hauptanliegen der Sachverständigen darin, die "Heimat" von den Pauschalverurteilungen der Vertreter der OHL zu entlasten und den Dolchstoßvorwurf zu präzisieren und ihn allein auf die Spartakusgruppe zu lenken. Es ist jedoch zu bemerken, daß die Sachverständigen des Vierten Unterausschusses, wenn auch aus der jeweiligen ideologischen Perspektive und unter den Eindrücken der Zeitgeschichte, sich um Wahrheit bemühten, während die drei Zeugen des alten Regimes vor dem Zweiten Unterausschuß lediglich um Wirkung in der Öffentlichkeit bemüht gewesen sind. Diese Differenz wird bei Petzold nicht genügend berücksichtigt. Der Unterausschuß sah sich aufgrund großer Differenzen zwischen den Sachverständigen, nicht in der Lage, die Frage nach der Schuld an der Niederlage strategisch-taktisch, nach militärischen Gesichtspunkten zu klären, obwohl einige der Sachverständigen, Militärs waren. Das Hauptanliegen des Ausschusses war die politische Verantwortlichkeit für das Desaster festzustellen. Mit dieser Aufgabe aber stießen sie in ein damals noch nicht hinreichend analysiertes Problem vor: Die Defakto-Militärdiktatur hatte sich im Oktober 1918 aus der Verantwortung gestohlen und der Zivilregierung die volle Verantwortung für alles, was nun kam, aufgebürdet. Die verdeckte Militärdiktatur hätte nun als solche von den Sachverständigen erkannt und offengelegt werden müssen, wenn sie die politische Verantwortlichkeit wirklich hätte darstellen wollen.

1.4.1 Überblick über Struktur und Themen des Vierten Unterausschusses

Der Ausschuß tagte vom 2. Oktober 1919 bis 1. März 1928. Zwischen 1925 bis 1930 veröffentlichte Dr. Albrecht Philipp DNVP) im Auftrag des Deutschen Reichstags zwölf Bände, die über den Verlauf der Verhandlungen als auch über die Ergebnisses und Resolutionen Auskunft gaben. Die Bände sind unterteilt in zwei bedeutsame Abteilungen: 1. Abteilung (Bd.1 bis 3) behandelt den "militärischen Zusammenbruch" und die 2. Abteilung (Bd.4 bis 10) den "inneren Zusammenbruch". Zu dessen Themenbereich gehörte die Klärung der "'Dolchstoß'-Frage" Ferner bestehen die Bände aus protokollierten Rednerbeiträgen (Sitzungsberichte), Gutachten und dem Tagebuch eines Matrosen. Die Rednerliste führt Politiker aller im Reichstag vertretenen Parteien auf, als auch Generäle und Obristen, Archivare und Historiker. Für die erste Abteilung (Bd. 1 bis 3) ist in Band 1 das Ergebnis einer Entschließung beigegeben, ebenso sind den Bänden 4, 7, 9.1 und 9.2 Entschließungen zum Thema "innerer Zusammenbruch (Dolchstoß)" beigegeben. Während die Entschließung zum Themenbereich in Band 1 bis 3 mit Angaben wie "mehrheitlich" oder "einstimmig" versehen sind, fehlen solche Angaben bei den Entschließungen zu Abteilung 2 inBand 4. Aus Band 9 geht hervor, daß der Unterausschuß "einstimmig" "gegen die Stimme des Vertreters der kommunistischen Fraktion" die Entschließungen annahm.

1.4.1.1 Die Entschließungen des 4. Unterausschusses 1.4.1.1.1 Die Entschließung zur 1. Abteilung

Zum Themenbereich "militärischer Zusammenbruch" (Abt.1) kam man "mehrheitlich" zu der Entschließung
"Die OHL. hat ihre Handlungen stets in dem guten Glauben begangen, damit dem Wohl des gesamten Vaterlandes zu dienen. Es entsprach ihrer militärischen Anschauungsweise, daß sie so lange, als es irgend möglich erschien, den Ge- danken an einen militärisch guten, später wenigstens er- träglichen Frieden vertreten hat."

"Einheitlich" wurde der Satz angenommen: Die deutsche Kampffront hat alles geleistet, was in ihren Kräften stand." Mit diesem Satz war zumindest der im 2. Unterausschuß als "infiziert" bezeichnete Truppenteil mit entlastet und eine Unterscheidung zwischen "Infizierten" und "dem guten Kern" wurde nicht mehr gemacht. Man beschränkte sich auf den Hinweis, daß es auch Flaumacher und dergleichen gegeben habe, ohne dies aber zu generalisieren. Gegen die "mehrheitliche" Entschließung stimmte jedoch die KPD und fügte ihr eine Minderheitsentschließung an. Sie bemängelte, daß ausschließlich militärische Gesichtspunkte berücksichtigt worden seien. Der Aspekt, daß der Krieg jedoch nur eine "besondere Erscheinungsform der allgemeinen Politik" gewesen sei, werde überhaupt nicht berücksichtigt. Weiter heißt es:

"Diese Beschränkung führt nur dazu, die letzten Ursachen des Zusammenbruchs zu verschleiern, die nicht so sehr in kriegstechnischen Fehlern, als in einem auf militärische Hierarchie gestützten und dem Interesse der Kapita- listenklasse dienendem System ungehemmter Machtpolitik beruhen." (Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahr 1918, Bd.4, S. 27)

Im wesendlichen will die Minderheitsresolution der KPD die Annexionsfrage als eigentlichen Grund für den Kriegsverlust berücksichtigt sehen. Dabei werden Ludendorff und Hindenburg als Agenten der deutschen Großindustrie betrachtet. Die Entschließung der KPD verweist auf den engen Interessenzusammenhang zwischen Industrie und 3.OHL hinsichtlich der weitreichenden Annexionspläne. Die einen betrieben sie, um Konkurrenten auszuschließen, die anderen, um für den nächsten Krieg günstigere Ausgangspositionen zu haben. Diese Annexionspläne und das beharrliche Festhalten an ihnen habe zum Verlust des Krieges mit seinen bitteren Konsequenzen geführt. Ähnlich lautet die Minderheitserklärung der SPD-Vertreter: eine Mäßigung in Brest-Litowsk, ein Verzicht auf die Frühjahrsoffensive 1918 und ein Eingehen auf die Vorstellungen Wilsons hätten Deutschland vor dem schlimmsten bewahrt und möglicherweise sogar eine Systemänderung über die repräsentative, konstitutionelle Monarchie hinaus verhindert. Der Gedanke, daß es hier bereits gar nicht mehr um die Monarchie ging, sondern nur noch um die diktatorische Durchsetzung der Interessen einer führenden Minderheit, kommt hier nicht direkt zum Ausdruck. Die enge Verbindung zwischen Industrie und OHL aber wird auch hier gesehen. Bemerkenswert ist, daß SPD und KPD trotz der großen Nähe der Bewertungen nicht zu einer gemeinsamen Entschließung kommen konnten. Die Entschließungen der Linksparteien weisen deutlich auf einen gravierenden und nicht gelösten Gesellschaftskonflikt hin, der von den bürgerlichen Parteien geflissentlich übergangen wird, in dem man eine zu enge Perspektive bei der Behandlung der Fragen nach der Schuld an der Niederlage wählt. In der Frage nach den Schuldigen am Zusammenbruch bleiben die Industriellen nahezu außen vor. Den Verhandlungen und Gutachten ist auch zu entnehmen, daß für die militärische Durchsetzung der Interessen Weniger die Gesamtheit in Anspruch genommen wurde und zwar derart, als daß durch Propaganda eine Gleichgerichtetheit der Interessen erzeugt und darüber hinaus die militärische Situation stets falsch dargestellt wurde. Auf diese Weise - wenn dies auch nicht explizit aus der Resolution hervorgeht - identifizierte sich ein Großteil der Bevölkerung mit seinen Machteliten und glaubte später ihren Dolchstoßbehauptungen. Ein Teilaspekt der Dolchstoßlegende wird bei der Entschließungsdiskussion durch den Kommunisten Eichhorn dargestellt. Er hatte die Befürchtung, daß der Unterausschuß mit zur Bestätigung der mittlerweile grassierenden Legende beitragen werde, wenn er beschließe, festzustellen, daß 1918 hätte weitergekämpft werden können, wenn nicht die Revolution dazwischen gekommen wäre. Er hält dies für eine durch nichts zu begründende Annahme. Was soviel heißt, daß zumindest in diesem Punkt der Dolchstoßvorwurf auf einer Hypothese beruht. An den späteren Verhandlungen nahm der kommunistische Vertreter nicht mehr Teil. Der Vertreter der "Nationalistischen Freiheitspartei", Wulle, hat sich laut Namensregister nie an den Verhandlungen beteiligt, offenbar, weil die Frage nach der Schuld an der Niederlage zu akademisch behandelt wurde.

Faßt man die Entschließungen des 4. Unterausschusses hinsichtlich der Schuldfrage an der deutschen Niederlage zusammen und berücksichtigt die Aussagen der Vertreter des alten Systems vor dem 2. Unterausschuß, so bestätigt sich erneut folgendes Bild: Das Waffenstillstandsgesuch, zu dem die OHL die Regierung gedrängt hatte, vom 29. September 1918 trug der Tatsache Rechnung, daß nach dem besagten 8. August, dem Ausscheiden Bulgariens und Österreich-Ungarns, der Krieg definitiv verloren war. Als dann die Entente nicht bereit war, ihrem eindeutig geschlagenen Gegner einen status quo ante bellum anzubieten, fühlte sich die OHL dazu berufen, das Heer und die Heimat zum Weiterkämpfen aufzufordern. (Resultat des 4. Unterausschusses, 1. Abteilung) Die Tatsache, daß sowohl große Teile des Heeres und der Heimat dies vor dem Hintergrund des vierjährigen Krieges, der Hungerblockade und der durch die Propaganda geförderten nun aber enttäuschten Hoffnungen nicht mehr wollten, wird von der OHL und den nationalistischen Kreisen mit ihren Annexionsvorstellungen als Dolchstoß der Heimat dargestellt. Diese Dolchstoßbehauptung wird dann später noch dahingehend erweitert, als habe das deutsche Heer nicht nur weiter kämpfen können, sondern habe anstatt vor seiner Niederlage sogar vor seinem Endsieg gestanden. (Behauptungen während des 2. Unterausschusses und der nationalistisch-militaristischen Memoirenliteratur sowie der nationalistischen Presse, wie etwa der Kreuz-Zeitung.) Diese Behauptung hatte den Zweck, die OHL und die alten Machteliten vom Stigma der politischen und militärischen Unfähigkeit zu entlasten, die demokratischen und linken Parteien zu diskreditieren und für sich selbst die moralische und gesellschaftliche Legitimation für eine neue Machtübernahme aufrecht zu erhalten.

1.4.1.1.2 Entschließungen zur 2. Abteilung

Wie bewertete nun der 4. Unterausschuß in seiner 2. Abteilung diesen Sachverhalt, wie er sich aus dem 2. Unterausschuß ergab? Zunächst wurde in der Entschließung der 2. Abteilung, die drei Jahre, nach der Entschließung zur 1. Abteilung erschien, den gesellschaftlich-sozialen Spannungen, auf die die Minderheitsentschließungen von SPD und KPD drei Jahre zuvor hingewiesen hatten, Rechnung getragen. Es wird eindeutig der Zusammenhang zwischen dem gravierenden innen-politischen Dissens und der außenpolitischen Aggressivität hingewiesen.

"Im deutschen Volk waren vor dem Krieg mannigfache Gegensätze vorhanden, die die Bildung eines einheitlichen Nationalcharakters erschwerten. Das bestehende Regierungssystem und das Staatsbürgerbewußtsein weiter Kreise befanden sich in zunehmender Spannung. Der Kriegsausbruch hat die Unausgeglichenheiten in Volk und Staat vorübergehend zurücktreten lassen. Innerlich blieben sie bestehen. (...) Die Unzufriedenheit fand ihren stärksten Ausdruck in der Formel, daß der Krieg ohne Not für die Interessen der Besitzenden verlängert werde." (Bd.4, S.1)

Diese und weitere Ausführungen wurden am 3. November 1927 "einstimmig" angenommen. Danach aber verwischen sich in dem Entschließungstext etwas die Konturen der "Inneren Front". Es werden richtigerweise Frontverläufe zwischen der Regierung und der OHL dargestellt, ebenso aber auch zwischen der Regierung und dem "Bürgertum".

Das "Bürgertum" wandte sich
1.) gegen "das Verblassen der Idee des Verteidigungskrieges",
2.) gegen Zensuranwendung,
3.) gegen die Verweigerung der Regierung, endlich die Parlamentarisierung durchzuführen.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß die Bürger, die gegen Punkt eins waren, die gleichen gewesen sein sollen, die für die Parlamentarisierung eintraten. Für die Parlamentarisierung waren mehrheitlich diejenigen, die für einen Frieden ohne Annexionen eintraten, währen diejenigen, die gegen das "Verblassen der Idee des Verteidigungsgedankens" waren, diejenigen waren, die die Annexionspläne der Militärs und der nationalistischen Kreise unterstützten und auf die während der Papstfriedensmission 1917 und der mit ihr verbundenen Belgienfrage derart Rücksicht genommen werden mußte, daß man ihnen nicht zumuten konnte, öffentlich auszusprechen, daß Belgien als "Faustpfand" aufgegeben werden müsse. Diese Gleichstellung von "Bürgertum" gegen Regierung verwischt die Fronten und verhindert eine deutlichere Auseinandersetzung mit dem Propagandaapparat. Denn, wie aus der Entschließung hervorgeht, hatte die OHL die Zivilregierung in ihre Abhängigkeit gebracht, und dies mit dem Druckmittel der Öffentlichkeit, die maßgeblich von ihr manipuliert wurde. Dieses Thema war bereits im 2. Unterausschuß behandelt worden, als Bethmann-Holweg darauf hinwies, wiesehr es der OHL gelungen war, ihn mittels Öffentlichkeit unter Druck zu setzen. Was die Vertreter der OHL natürlich leugneten, indem sie behaupteten, die Presseabteilung am liebsten in Zivilhände gegeben zu haben. Mittels nationalistisch gesinnter Öffentlichkeit gelang es der OHL (durch Rücktrittsdrohung) ein "Übergewicht" über die "verfassungsmäßigen Träger der Staatsgewalt (Kaiser, Bundesrat, Reichstag)" zu erlangen. So sehr hatten Hindenburg und Ludendorff ihre taktischen Erfolge in Szene setzen lassen, daß die strategische Gesamtlage dabei völlig außer Acht gelassen werden konnte. Gegenüber diesen Nationalisten bildeten sich spätestens seit 1917 drei verschiedene Strömungen heraus, die sich eine grundlegende Machtveränderung zum Ziel gesetzt hatten:

1.) die MSPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei. Sie standen auf dem Boden der Friedensresolution des Reichstags und wollten einen Frieden ohne Annexionen;
2.) dann, die USPD und
3.) die Spartakusgruppe. Sie wollte gewaltsam die "Weltrevolution" herbeiführen und bediente sich zu ihrer Deckung der USPD.

Als das Waffenstillstandsabkommen und das Verlangen nach Parlamentarisierung durch die OHL bekannt wurde, waren nicht nur die oben genannten drei Gruppierungen friedensbereit sondern auch darüber hinaus weite Teile des bürgerlichen Lagers. Bedenkt man bei dieser Aussage, die sich auf den September 1918 bezieht, das Verhalten der nationalistischen Kreise zwischen dem 12. und 18. November, so erscheint Anneliese Thimmes Aussage gerechtfertigt, daß die Nationalisten ihr Haupt erst wieder erhoben, als sie erkannten, daß die Revolution bei weitem nicht so gefährlich war, wie sie es sich propagandistisch wirkungsvoll ausgemalt hatten. Das heißt, der Dolchstoßgedanke ist zwar latent während des ganzen Kriegsjahres 1918 vorhanden, bildete sich aber erst im Zuge der konservativen Reaktion in der ersten Phase der Revolution als propagandistisches Instrument heraus und steht somit nachweislich gegen die eignen Erfahrungen derjenigen, die die Dolchstoßlegende vertraten, und insofern ist es auch gerechtfertigt, sie als Dolchstoß-Lüge zu bezeichnen.

Die "Innere Front" wird in der Entschließung deutlich dargelegt, wenn es heißt, die Vaterlandspartei sei zur Stützung der OHL in der Öffentlichkeit ins Leben gerufen worden, als es galt, auf die eigenständige Friedensresolution der Mehrheitsparteien im Reichstag eine entsprechende Antwort zu geben. Knackpunkte, an denen die Konfrontation der Gesellschaft offenkundig wurde, waren die "preußische Wahlrechtsfrage" und "die Einführung des parlamentarischen Systems", daß von Ludendorff taktisch äußerst geschickt sogar gefordert wurde, als es galt die "Suppe auszulöffeln" die die OHL eingebrockt hatte, jetzt aber so dargestellt wurde, als seien es die Mehrheitsparteien, der Reichstag, ja die gesamte Heimat gewesen. Aber, so stellt der Ausschuß in all seinen Verhandlungen und Gutachten heraus: Am Zusammenbruch hatte nicht nur die Revolution ihren Anteil, wie in der Nachkriegszeit stets behautet wurde, sondern der mangelnde Gesellschaftskonsens, der verhindert wurde, weil eine Führungselite nicht bereit war, eine Anpassung an die veränderten Gesellschaftsstrukturen der Industrie- und Massengesellschaft vorzunehmen und im elitären Denken des 19. Jahrhunderts verhaftet blieb. Vor diesem Hintergrund war es dann die schwache politische Führung, die von der 3.OHL verdrängt wurde und die zuletzt nicht die Verantwortung übernehmen wollte. Aber es war auch die drückende Überlegenheit der Gegner, die völlig fehlende Gesamtstrategie, die Erschöpfung von Heer und Heimat und die Revolutionsideologie der Kommunisten. Die gravierendsten Fehler aber wurden von der OHL gemacht, die durch die Zivilregierung keinen Handlungsrahmen mehr Gesetz bekam, sondern fast völlig autark, gestützt auf dem Hindenburgmythos in weiten Teilen der Bevölkerung, Machtpolitik betreiben konnte und dies mit breitester Unterstützung von Wirtschaftskreisen. Wie Verhängnisvoll diese Entwicklung zwischen OHL und Zivilregierung für den Kriegsverlauf und seinen Folgen war, stellt der Sachverständige Schwerfeger heraus. Für den 4. Untersuchungsausschuß blieb festzuhalten, daß es für den Kriegsverlust monokausale Erklärungen á la Dolchstoß nicht geben konnte. Obwohl dies die Entschließung des Ausschusses ist, und somit die Revolution bei weitem nicht den Stellenwert für das Kriegsende hat, wie die Nationalisten behaupteten, behandeln die Sachverständigen in Band 6 die Dolchstoß-Frage doch sehr ausführlich und zwar im wesendlichen zu Ungunsten der liberalen und linken Parteien. Es kommt, wie von Petzold bereits angeführt, zu einer Zuspitzung der Dolchstoßbehauptung auf Spartakusgruppe und Teilen der USPD. Wenn die Revolution nicht maßgeblich für den Umsturz verantwortlich ist, wird ihr dennoch über Gebühr Raum gegeben. Allein schon das Gutachten Volkmanns, das in seiner Überschrift bereits zu erkennen gibt, daß hier wieder das Schlagwort von den "vaterlandslosen Gesellen" thematisiert werden soll. Er unterstellt den Sozialisten sogar, das Gesetz zum Vaterländischen Hilfsdienst zu ihrer Machterweiterung mißbraucht zu haben. Besonders hier wird wieder deutlich, aus welchem Blickwinkel heraus argumentiert wird. Auch die Gutachter stehen in dem Gesellschaftskonflikt zwischen den neuen und alten politischen Kräften.

1.4.2 Die Position des Sachverständigen Oberst Schwertfeger

Die Kernaussage Schwertfegers, der von den Militärsachverständigen die Dolchstoßbehauptungen am weitestgehend zurückweist, kann man wohl dahingehend zusammenfassen, daß er der Ansicht ist, daß die verdeckte Militärdiktatur nur dadurch ermöglicht wurde, weil die Zivilregierung gegenüber der OHL immer mehr an Boden in der Öffentlichkeit verlor und auch ansonsten eine immer schwächer werdende Position einnahm. Schwertfeger stellt heraus, daß die OHL - und somit das Militär - ein Instrument in der Hand der politischen Führung hätte sein müssen. Da aber die politische Führung es nicht verstanden habe, sich dieses Instruments nach politischen Kriterien zu bedienen, habe sich dieses Instrument machtpolitisch verselbständigt und am Ende die Politiker deklassiert. In diesem Vorgang sei das eigentliche Desaster zu erblicken. Dem Militär habe nun ein fester Bezugsrahmen gefehlt. Wenn die Dinge gut liefen, wurden die Kriegsziele auf ein Maximum ausgedehnt, verliefen sie weniger günstig, so wurden sie lediglich etwas zurückgenommen. Dem ganzen habe so ein politisches Gesamtkonzept als auch eine militärische Strategie gefehlt. Es sei unter diesen Umständen stets nur nach den Gegebenheiten der jeweiligen Lage taktiert worden. Schwertfeger bemüht dann als Ideal den Potentaten, der sowohl König, Politiker und Feldherr gewesen sei, darzustellen. Daß aber, nachdem die Staaten in ihren Gesellschaftsstrukturen immer komplexer geworden seien, hier die Personalunion in ein Führungsgremium - Kaiser, Kanzler, Feldmarschall - aufgelöst worden sei, und daß sich die Vertreter der Politik und des Militärs bei der Beratung des Kaisers, der selbst nur geringe Kompetenz gehabt habe, gegeneinander gekehrt hätten. Es habe den Deutschen während des Krieges ein Friedrich II. gefehlt. Die Tendenz dieser Aussage führt zu einer Belastung der Zivilregierung und zu einer Entlastung der OHL. In letzter Konsequenz aber trägt der abgedankte Kaiser die gesamte Last der Verantwortung. Indem Schwerfeger eine Denkschrift der 'Frankfurter Zeitung' zitiert, macht er jedoch deutlich, daß es allein mit der Zuweisung der Schuld an den Kaiser nicht getan ist, sondern daß die OHL auch selbst gravierende Fehler begangen habe. So die Tatsache, daß sie sich habe für die Interessen "einer bestimmten Parteigruppe" vereinnahmen lassen, was in "anderen Teilen des deutschen Volkes zu bösem Blut geführt habe". Damit sieht Schwertfeger in der inneren Frontstellung mit einen Grund für den Verlust des Krieges. Das Zerbrechen des "Burgfriedens" ist demnach von einer konservativen Gruppe (etwa die Vaterlandspartei) provoziert worden aufgrund ihrer haltlosen Annexionspläne. Im wesendlichen werden hier Tendenzen aufgezeigt, wie sie später von A. Thimme dargelegt wurden. Für die Vaterlandspartei und ihre Anhänger war das Weiterexistieren der Monarchie nicht mehr das oberste Anliegen.

Entscheidend war, so kann man die dargestellte und nun hinreichend analysierte Gesamtsituation interpretieren, nur noch das Aufrechterhalten eines autoritären Staatswesens zur rücksichtslosen Durchsetzung der Interessen der alten privilegierten Schichten und der oberen Steuerklasse. Hierzu wurde der Nationalismus der Bevölkerung instrumentalisiert und die OHL willig eingespannt, gegen die Politik Bethmann-Hollwegs, der immer stärker unter den Einfluß der späteren Weimarer Koalitionsparteien geriet. Es zeichnet sich ab, daß die führende Elite den Krieg nicht nur gebraucht hatte, in der Hoffnung aus einem Lokalkonflikt gehe mit deutscher Unterstützung die Donaumonarchie gestärkt wieder hervor, sondern daß darüber hinaus außer der Sprengung der "Einkreisung" auch die Stabilisierung des eigenen Systems, das seit den Wahlen von 1912 innenpolitisch eine schwere Niederlage hatte hinnehmen müssen, ins Auge gefaßt worden war. Ein siegreiches System werde sich stabilisieren und seinen uneingeschränkten Machtanspruch aufs neue legitimieren können. So dürfte wohl das Kalkül, gewesen sein. Das Gegenteil traf ein. In diesem Sinne kann man denn auch die Dolchstoßbehauptung als eine "die Geschichte verfälschenden Zwecklüge" bezeichnen. Die erstens unterstellt, man habe in einem gerechten Verteidigungskrieg gestanden, habe für die Gesamtheit, ohne Ansehen der Parteien, nur das beste gewollt, und sei dann aus niedrigen Beweggründen von den Linken verraten worden. So hatte sie die Aufgabe, von den Machtinteressen der Führungselite abzulenken.

Der Aspekt "Propaganda" wird ebenfalls von Schwertfeger behandelt. In ihr sieht er mit einen Grund dafür, daß die Bevölkerung die Gründe für den Zusammenbruch nie hat wirklich einsehen können, da stets eine Situation geschildert worden sei, die besagte, der Sieg stehe unmittelbar bevor. Gerade die Propaganda unter der dritten OHL wird als ein verhängnisvolles Machtpolitisches Instrument deutlich gemacht. Sie führte dazu, daß ein Großteil der Bevölkerung Wahrheit und Fiktion kaum noch auseinander halten konnte, und sie ist auch mit der Grund dafür, daß nach 1918 die Dolchstoßlegende einen so aufnahmebereiten Nährboden vorfand. Abschließend ist zum Werk des 4. Unterausschusses festzustellen, daß die einzelnen Wortbeiträge in den Verhandlungen als auch die Gutachten nicht unbedingt mit den Entschließungen inhaltlich übereinstimmen. Während die Entschließungen deutlich darauf abzielen, die Dolchstoßbehauptung als weitestgehend unbegründet erscheinen zu lassen, zumindest aber herausarbeiten, daß die Revolution nicht der eigentliche Grund für den Verlust des Krieges war, sehen die Urteile in den einzelnen Gutachten anders aus. Hier wird vor allem bei v. Kuhl und Volkmann der Dolchstoß verargumentiert, während Dellbrück eine Gegenposition einnimmt und auch Schwertfeger korrigiert seine ehemals gemachten Aussagen zu v. Kuhls Darstellungen und geht zu ihm auf Distanz. Aber selbst wenn man die Aussagen v. Kuhls nimmt, weichen sie doch deutlich von der Ludendorffs ab. Der pauschale Vorwurf gegen die "Heimat" wird so nicht gelten gelassen.

In den Entschließungen war man darauf bedacht, Mehrheiten zu bekommen, deshalb werden hier manche Abstriche haben hinnehmen müssen. Aus den Rednerprotokollen geht aber hervor, daß oft um jeden einzelnen Satz gestritten worden ist, so daß man die Resolutionen schon als das Ergebnis des Ausschusses ansehen kann.Im Vergleich zu den Ergebnissen mit der wissenschaftlichen Diskussion ist zu bemerken, daß zu Booms Aussage, die Umkehrung von: Die Revolution hat zum Verlust des Krieges geführt in: Die Revolution sei aus dem militärischen Zusammenbruch hervorgegangen, sei unzulässig, stattdessen gelte es, multikausale Zusammenhängen aufzuführen, der Ausschuß bereits gut vierzig Jahre früher gekommen war. Am hilfreichsten darf man wohl die sich gegenseitig ergänzenden Arbeiten von Petzold und Thimme ansehen. Die übrigen geben dann zum Thema noch bedeutsame Randbemerkungen ab, wie etwa der Hinweis auf die drei Phasen der Revolution und dem Nationalismus der Linken. Eine Aufklärungsarbeit aber konnte der Unterausschuß nicht leisten: es war ihm aufgrund der Aufgabenstellung nicht möglich, sich mit den gefährlichen antisemitischen Inhalten auseinanderzusetzen, die mittlerweile durch die Memoirenliteratur und den Kampfschriften hervorgebracht, die Dolchstoßlüge zusätzlich befrachteten und sie gefährlich werden ließ.

2. Die politische Instrumentalisierung der Dolchstoßlegende

Die Dolchstoßlegende diente nicht nur der Verfälschung der Zeitgeschichte und dem Ablenken politischer Schuld auf andere. Sie diente in der Auseinandersetzung zwischen den Klassen, zwischen den Vertretern des alten und neuen Regimes auch der Denunzierung von Personen des öffentlichen Lebens. Die nationalistische Rechte nutzte die Inhalte der Dolchstoßlegende zum Rufmord an republikanischen Politikern und nahm auch deren daraufhin begangene Ermordung billigend in Kauf. Herausragende Beispiele für Opfer solcher, durch die alten Machteliten betriebene Hetze, sind der Vizekanzler und Finanzminister zur Zeit der Regierung Bauer Matthias Erzberger, der Außenminister Walter Rathenau und der Reichspräsident Friedrich Ebert. Einen besonderen Akzent setzte nochmals der Dolchstoßprozeß in München, der hervorging aus einer Rufmordkampagne während des Wahlkampfes 1924.

2.1 Der Erzbergerprozeß

Die von Helfferich gegen Erzberger betriebene Rufmordkampagne hat ihre Bedeutung deshalb, weil sie, wie durch ein Brennglas betrachtet, die "Innere Front" zwischen diesen beiden Politikern: Helfferich als der Exponent des alten Regimes und Erzberger als Vertreter des neuen, der im Kriegsjahr 1917 durch seine Kehrtwende von den Annexionisten zu denen, die einen Frieden wollten ohne Annexionen, eine neue parlamentarische Mehrheit im Reichstag schuf, eine, die jedoch zunächst ohne einen ihr entsprechenden politischen Einfluß blieb. Erzberger war derjenige, der im Juli 1917 das Versagen der U-Bootwaffe offen aussprach und somit die vielen politischen als auch militärischen Fehleinschätzungen erstmals offen darlegte und so ein anderes Bild zeigte, als das, was die Propaganda Ludendorffs stets entwarf. Zudem war Erzberger der stärkste Verfechter der Friedensresolution des Reichstags, die durchgeführt wurde, gegen den Willen der Machthaber. Die Tatsache, daß er aus den von den Annexionisten und der OHL herbeigeführten militärisch-politischen Fakten die Konsequenzen zog und den Waffenstillstand unterzeichnete und später an erster Stelle dafür eintrat, daß auch der Friedensvertrag unterschrieben wurde, machte ihn für die Royalisten und Nationalisten zu der Negativfigur ihrer volksverhetzenden Propaganda, zur Verkörperung der Dolchstoßinhalte schlechthin. Die Position Helfferichs und seiner politischen Richtung war:

"... die Parteien der Weimarer Koalition hätten durch ihren Defaitismus während des Krieges Deutschlands gegenwärtiges Elend verschuldet, ja sie hätten den Zusammenbruch Deutschlands gewünscht, um sich selbst an die Macht zu bringen."(K. Epstein, S. 397)

Erzberger konterte auf diese Dolchstoßinhalte, die mittlerweile tagtäglich die politische Atmosphäre vergifteten in einer Reichstagsrede am 25. Juli 1919, die Epstein inhaltlich wie folgt wiedergibt:

"Den planmäßigen Feldzug (Dolchstoßbehauptungen),der gegen die Führer des Zentrums und der Sozialdemokraten von der bunt zusammengewürfelten Front aus Militärs, Nationalisten, Bürokraten und Plutokraten geführt wurde, kennzeichnete er als Vertuschungsmanöver, das nur dazu dienen sollte, die Aufmerksamkeit von eigenen Verbrechen und Torheiten abzulenken." (K. Epstein, S. 370)
Wie gefährlich aber Erzberger den Royalisten und Kapitalisten werden konnte, zeigte sich, als er 1919 daranging, das Steuersystem zu reformieren und die Reichen zur Begleichung der enormen Kriegsschulden mit in die Pflicht nahm. Gerade dieses Kapitel wirft ein bezeichnendes Licht auf den Patriotismus der oberen Gesellschaftsschicht in der Weimarer Republik. Erdmann als auch Kolb verweisen auf die große Bedeutung der Erzbergerschen Steuerreform und stellen heraus, daß durch sie der zentralistische neue Staat gestärkt und die Länder - und somit auch die dominante Stellung Preußens - geschwächt wurden. Epstein aber stellt zudem die Konsequenzen dar, die das neue Steuersystem für die obere Gesellschaftsschicht hatte und wie diese darauf reagierte.Die Ausgangssituation 1919 war, daß es 1913 etwa 5 Milliarden Reichsschulden gegeben hatte und nun 153 Milliarden - davon 72 Milliarden kurzfristig. Zudem waren 1913 2 Milliarden Papiergeld im Umlauf und 1919 waren es 45 Milliarden, der Grund für die einsetzende Inflation. Helfferich hatte bis 1916 den Krieg über das alte Steuersystem finanzieren wollen. Die Kriegsgewinne wurden erst gar nicht, später, ab 1916, dann eher unzureichend versteuert. Ein deutscher Siegfrieden sollte die Entente mit der kompletten Begleichung der Kriegsanleihen belasten. Dieser Siegfriede war nun ausgeblieben und die Deutschen hatten die Schulden selbst zu tragen. Um einen Staatsbankrott zu vermeiden, wurden hohe Steuern eingeführt, die proportional die finanzkräftigen stärker belastete als die unteren sozialen Schichten. Zudem versteuerte Erzberger die Kriegsgewinne nachträglich, indem die Unternehmen ihr Betriebskapital von 1913 und 1919 offenlegen mußten. Die Differenz war der Kriegsgewinn. Er sah in seiner Reform

"einen Weg zum Aufbau einer echten demokratischen Ordnung in Deutschland in der die Reichen sich mit den Armen in die Opfer zu teilen hätten und der Bolschewismus seine Anziehungskraft auf die unteren Klassen verlieren würde."(K.Epstein, S.397)
Die Folge dieser neuen Steuerpolitik war eine gewaltige Hetzkampagne gegen Erzberger
"Die einzige Tat des Kabinetts Bauer, die ausschließlich der Energie Erzbergers zu verdankende Reichsfinanzreform, die zusammen mit dem Reichsnotopfer auch eine steuerliche Heranziehung der Besitzenden erzwang, verstärkte den Rechtstrend." (H. Mommsen, S.89)
Das Kesseltreiben gegen Erzberger gipfelte in dem Pamphlet Helfferichs: "Fort mit Erzberger", daß er 1919 verfaßte. Helfferich wirft Erzberger darin vor, er habe 1917 eine für Deutschland günstige Situation zu einem Siegfrieden zu kommen, durch Flaumacherei vereitelt. Helfferich beschuldigt ihn, Agent der katholischen Habsburger zu sein, weil er 1917 eine ungünstige militärische Gesamteinschätzung der Österreicher an die Entente weitergeleitet habe. Also ist er auch Agent der Entente und als solcher habe er für den Waffenstillstand gesorgt und für die Unterzeichnung des Friedensvertrags.
"Das ist Herr Erzberger", fährt Helfferich fort, "der während des Waffenstillstands der Entente half, uns finanziell zu knebeln, der unsere Handelsflotte in die Häfen der Entente steuerte. (...) Deshalb gibt es für das deutsche Volk nur eine Rettung. Überall im Lande muß mit unwiderstehlicher Gewalt der Ruf ertönen: Fort mit Erzberger!"(K. Epstein, S.397)

Hier werden die gleichen Inhalte bemüht, die seit 1916 sich unter dem Begriff "Dolchstoßlegende" subsumieren lassen und die Helfferich wenige Wochen später auch im Untersuchungsausschuß anwendete, um aus der Verteidigungsposition heraus in die Offensive gehen zu können. Auf diese Schrift hin erfolgte Erzbergers Beleidigungsklage. Die Besonderheiten der deutschen Strafprozeßordnung aber ermöglichten den Verteidigern als auch den Richtern, sich intensiv mit dem politischen und privaten Leben des Klägers auseinanderzusetzen, so daß aus dem Ankläger allmählich der Angeklagte wurde. Es gelang Helfferich seinem Kontrahenten Verquickung privater und politischer Geschäfte nachzuweisen. Der Prozeß endete mit einem Desaster für Erzberger. Er trat als Finanzminister zurück. Helfferich erhielt lediglich eine kleine Geldstrafe wegen Beleidigung. Mit diesem Prozeß erhielt die Justiz die Möglichkeit, die auch ihr verhaßten Repräsentanten der neuen Ordnung, zu erledigen.

"Das Urteil im Erzberger-Prozeß war nicht der erste, aber ein besonders aufsehenerregender Fall, in jener langen Reihe von Gerichtsurteilen, die der 'politischen Justiz' der Weimarer Republik zu trauriger Berühmtheit verholfen haben." (E. Kolb, S. 38)
"Die von Helfferich betriebene systematische Kampagne gegen den "Reichsverderber" Erzberger, (...) öffnete die Schleuse für eine hemmungslose Verunglimpfung des politischen Gegners und für die Anwendung von Gewalt." (H. Mommsen, S.89)

Kolb als auch Erdmann sehen in der Urteilsverkündung am 12.3.1920 und dem 13.3., Kapp-Putsch, mehr als eine nur zufällige zeitliche Abfolge. Mommsen bezeichnet die Aktion gegen Erzberger als "gegenrevolutionären Terror". Während des Prozesses Erzberger gegen Helfferich war es zu einem Attentat auf Erzberger gekommen. Der Attentäter hatte die Hetzschrift Helfferichs gelesen und sich nun berufen gefühlt, das Reich vor dem "Verderber" schützen zu müssen. Als am 21. Februar 1920 der Attentäter wegen Mordversuchs und schwerer Körperverletzung zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, begründeten die Richter das milde Urteil mit den hehren Motiven des Täters. Am 26. August 1921 wurde Erzberger dann ermordet. Ein Helfershelfer, dessen Mithilfe eindeutig erwiesen war, wurde von den Geschworenen freigesprochen. Es belegt, "in welch erheblichem Ausmaß Teile der Öffentlichkeit, deren getreues Abbild die Geschworenenbank bot, die Ermordung republikanischer Minister nicht für eine strafbare Handlung hielten." Auch war es nicht außergewöhnlich, daß rechtsstehende Blätter offen ihre Genugtuung über den Mord zum Ausdruck bringen konnten. Die beiden Mörder erhielten vom Münchener Polizeipräsidenten falsche Pässe für die Flucht nach Ungarn. Ein Auslieferungsgesuch des Reiches an Ungran wurde von dem dortigen Regime abgelehnt. 1933 wurden die Mörder durch Hindenburg im Zuge einer Generalamnestie freigesprochen. Als sie dann nach 1945 wegen der Tat erneut in Deutschland vor Gericht standen, wurden sie mit Hinweis auf die Generalamnestie freigesprochen. Daraufhin intervenierte die französische Besatzungsmacht und die Täter wurden in einem zweiten Verfahren zu 12 und 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, um dann aber bald nach Gründung der Bundesrepublik begnadigt zu werden. "das Schicksal der beiden Mörder und ihre Helfer ist kein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte", schreibt Epstein. Man könne sogar auf postfaschistische Züge in der Justiz nach 1949 verweisen oder auch darauf, daß die alte Klassenjustiz der Weimarer Republik und der Hitler-Tyrannei noch weiter am Werke war, stattdessen vermutet Epstein eher politischen Opportunismus. Erzberger ist ein Beispiel dafür, wie die Inhalte der Dolchstoßlegende gegen die Vertreter des neuen Systems angewandt wurden und daß man gewillt war, sie nicht nur politisch kalt zu stellen, sondern wirklich zu vernichten.

2.2 Der Ebertprozeß

Der Magdeburger Prozeß, in dem Reichspräsident Ebert den Redakteur Erwin Rothardt wegen Beleidigung anklagte, ist ein weiterer Beweis für die Instrumentalisierung der Dolchstoßinhalte gegen führende Politiker des demokratischen Systems. Auch in der Bewertung Eberts und somit auch des Prozesses zeigen sich wieder die Frontlinien der inneren Auseinandersetzung. Die Verleumder Eberts warfen ihm wegen seiner Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik im Januar 1918 Vaterlandsverrat vor und bemühten aus diesem Grund die gesamten Inhalte der Dolchstoßlegende gegen ihn. Die Kernaussage war: die Frühjahrsoffensive wäre erfolgreich verlaufen, Deutschland wäre die Niederlage erspart geblieben und somit der "Diktatfriede", wenn im Januar 1918 nicht die Munitionsarbeiter gestreikt hätten und sich Ebert und andere Sozialdemokraten nicht an deren Spitze gestellt hätten. Die Gegenposition lautet: Gerade die Tatsache, daß sich Ebert an die Spitze des Streiks gestellt hat, belegt, daß er die Arbeiterschaft verraten habe und nichts anderes gewesen sei, als ein Agent der Bourgeoisie. Denn nach eignen Bekundungen hatte er sich nur deshalb an den von ihm abgelehnten Streik gestellt, um ihn zu einem Ende zu bringen und die Munitionszulieferung für die Front nicht zu gefährden. Dies, so sagten die Spartakisten, als auch Petzold in seiner Monographie,sei kriegsverlängernd gewesen, habe das Leiden der unteren Schichten vermehrt und sei nur im Sinne der herrschenden Klasse gewesen. Obwohl Ebert glaubhaft nachweist, daß nur die Streikverkürzung sein Anliegen gewesen sei, bleiben die Nationalisten bei ihren Behauptungen. Die "Asphaltpresse" tat das ihrige, um die Verleumdungen zu verbreiten und Ebert für eine weitere Reichspräsidentenkandidatur un-möglich zu machen, denn "der Vorwurf des Verrats mußte in einem nationalistisch verseuchten Lande verheerend wirken." So wie die Denunzierung Erzbergers zu einem schweren Schlag gegen die Demokratie wurde - am Tag nach seinem Prozeß fand der Kapp-Putsch statt - so gedachte man auch hier durch eine Verfälschung der geschichtlichen Ereignisse einen führenden Repräsentanten des demokratischen Systems auszuschalten. Obwohl sich Ebert für die Landesverteidigung patriotisch gab - er war 1914 auch ein Befürworter der Kriegskredite - wurde er von dem deutnationalen Vorsitzenden dennoch nicht vom Vorwurf des Landesverrats freigesprochen. Es wurde dagegen Berufung eingelegt. Aber bereits wenige Wochen später verstarb Ebert an einer verschleppten Blinddarmentzündung. "'Der seelische Schmerz", so sagte Ebert damals, "peinige schlimmer... Sie haben mich politisch umgebracht, nun wollen sie mich auch noch moralisch morden.'" Wenn auch das Ziel der rechten Hetze klar ist, so ist doch die Bewertung der Person Eberts nicht frei von Ambivalenz. Denn auch v. Rudolph weist darauf hin, daß der Patriot Ebert an der Mitbegründung der Dolchstoßlegende nicht ganz unschuldig ist, da er am 11. Dezember 1918 heimkehrenden Soldaten zurief: kein Feind habe sie besiegt. Auch auf die Auseinandersetzung Eberts mit Scheidemann im Reichstagsgebäude, nachdem dieser die Republik ausgerufen hatte ohne Ebert zu fragen, verweist auf seine royalistische - und zugleich demokratische - Grundhaltung. Eberts uneinheitliche Stellung zur Novemberrevolution- erst ablehnend, später als verdienstvolle Tat der Arbeiterschaft hervorhebend - erleichterte seinen Feinden rechts wie links die Polemik gegen ihn und somit - zumindest der Rechten - das Erreichen ihrer Ziele.

"Der sozialdemokratische Reichspräsident war von einem Gericht (...) als Landesverräter bezeichnet und damit die Wahl eines Kandidaten der Rechtsparteien zum Reichspräsidenten wirksam vorbereitet worden. (...) Im Mai 1925 wurde Generalfeldmarschall v. Hindenburg, dieser Repräsentant des deutschen Militarismus und Kronzeuge der Dolchstoßlegende, als Nachfolger Eberts zum Präsidenten der Weimarer Republik gewählt. Der Prozeß von Magdeburg und die Dolchstoßlegende hatten dazu Pate gestanden."(J. Petzold, S.103)
2.3 Der Münchener Dolchstoßprozeß

Als in München von Oktober bis November 1925 die Inhalte der Dolchstoßlegende vor dem Amtsgericht geklärt werden sollten, waren außer Erzberger, Rathenau und Ebert schon viele Menschen der Hetze der Rechten und den Inhalten der Dolchstoßlüge zum Opfer gefallen. Es wurde über politische Falschaussagen zu Gericht gesessen, von denen man mittlerweile wußte, wie sehr sie die Konsensfindung in der Demokratie erschwerten, daß sie sogar auf die Vernichtung der Demokratie und ihrer Repräsentanten abzielte. Ebenso war die Zweckhaftigkeit bereits erkannt: der Willen zur Vernichtung des politischen Gegners mit dem Ziel einer diktatorischen Alleinherrschaft der alten Machteliten unter dem Deckmäntelchen des Patriotismus.

Der juristische Streit um die Dolchstoßinhalte hatte sich entzündet an den "Süddeutschen Monatsheften" des Verlegers Cossmann, der als Anhänger des nationalistischen Lagers,im Wahlkampf 1924 eine Verleumdungskampagne gegen die SPD "in Bausch und Bogen" führte mit der Absicht, deren Stimmenanteil weiter zu drücken und die nationalistische Welle für die DNVP, für die 'nationale Sache, nutzbar zu machen. Während des Prozesses wurden auch die Sach-verständigen des 4. Unterausschusses des Reichstags gehört, welche wiederum die Prozeßinhalte in ihren Gutachten berücksichtigten und reflektierten und somit der Prozeß auch in den Entschließungen des Ausschusses seinen Niederschlag fand. Cossnann hatte geklagt gegen den Chefredakteur der 'Münchener Post', Martin Gruber. Gruber (SPD) warf Cossmann aufgrund seiner Ausführungen in den "Süddeutschen Monatsheften" Geschichtsverfälschung vor und reizte diesen so zu einer Klage gegen ihn. Die SPD verfolgte hierbei die Absicht, die Ungeheuerlichkeiten der Dolchstoßlegende, wie sie im Zweiten Unterausschuß im November 1919 in die Welt gesetzt worden waren, nun öffentlich vor einem Strafgericht zu verhandeln. Aber das Urteil des Gerichts war ähnlich der Urteile, die vorher schon in solchen Prozessen gesprochen worden waren. Cossmann erhielt Recht. Es habe nachweislich nicht in seiner Absicht gelegen, die Geschichte zu verfälschen, auch dann nicht, wenn einige "Darstellungen in den Heften teilweise irrig und unrichtig seien." Gruber hingegen wurde "verurteilt wegen Beleidigung und übler Nachrede". Lediglich in einem Punkt hatte Cossmann seine Vorwürfe zurückgenommen. Er sprach die MSPD vom Dolchstoß frei und konzentrierte ihn dann umso mehr gegen die Spartakisten und die USPD. Der Verteidiger Grubers aber wollte darüber hinaus die Dolchstoßlegende insgesamt liquidiert sehen, zumindest aber noch die USPD, mit der die MSPD mittlerweile wiedervereinigt war, entlastet haben. Dies gelang nicht. Und auch der "Freispruch" der SPD erwies sich schon bald als Pyrrhussieg, denn ein Heft von Ewald Beckmann, erschienen im Verlag der "Süddeutschen Monatshefte" belastete die SPD wieder so wie vorher. Der "Freispruch" wurde hier zurückgenommen, weil die MSPD sich nicht von ihrer Ideologie des Internationalismus und Marxismus trennen könne, was allein die Wiedervereinigung mit der USPD beweise. Das, wozu sich also Cossmann im Prozeß hatte bewegen lassen, als er sah, daß die Quellen seiner Zeugen - vorwiegend Militärs - nicht stichhaltig waren und nur auf allgemeiner Meinung im rechten Lager basierten, das nahm er direkt nach Prozeßende wieder zurück. Die Tatsache, daß die Parteiführer der USPD wieder zur SPD gehörten, reichte aus, wieder alle Sozialdemokraten mit dem Dolchstoßvorwurf zu belasten.

Eine wirkungsvolle Widerlegung war also ausgeblieben. Lediglich die Sachverständigen Herz und besonders Delbrück sahen sich darin bestätigt, daß der Dolchstoß eine üble Legende sei. Einen korrigierenden Einfluß auf die öffentliche Meinung aber hatte der Prozeß nicht. Er bestärkte eher die "Dolchstößler" in ihren Ansichten und dies obwohl die Sachverständigen die Unhaltbarkeit der Aussagen der Hefte und der Dolchstoßinhalte belegten. In der Bewertung Petzolds hatten die "Monatshefte" ihren Sinn dahingehend erfüllt, als daß die NSDAP (NS-Freiheitsbewegung) und die DNVP erhebliche Stimmengewinne verbuchen konnten. Er schreibt diesen Erfolg den die Dolchstoßinhalte verbreitenden Hefte Nr. 40 und 41 vom April 1924 zu. Den Sinn des Prozesses sieht er darin, daß die Dolchstoßlegende im "weiteren Sinne" reduziert wurde auf die "wissenschaftlich" begründeten Inhalte. Und sich somit erstens, die verbürgerlichte Linke vom Dolchstoß reingewaschen sah und zweitens die "wissenschaftliche" Variante, für Wahrheit schlechthin stehend, nun auch im Bildungsbürgertum akzeptiert werden konnte. Diese Form der Dolchstoßlegende sei dann auch die langlebigste geworden.

Daß es sich bei den Cossmannschen Heften um die Dolchstoßlegende im Gewandt der Wissenschaftlichkeit handle, hebt auch R. v. Rudolph hervor, der den Prozeß als Zeuge miterlebt hat. Mit der Schrift: "Der Dolchstoßprozeß in München" von Ewald Beckmann wurden alle Einräumungen,zu denen sich Cossmann vor Gericht veranlaßt sah, zurückgenommen. Bei der Durchsicht des Heftes aber fällt auf, daß hier zur Geschichtsverfälschung, wie sie die OHL und die alten Machteliten betrieben, noch etwas Neues hinzukam: das völkische Gedankengut. Im Schlußwort der Anklage kommen Gedanken zum Ausdruck, die eindeutig sich gegen die Industriegesellschaft richten und von der Hoffnung beseelt sind, daß es wieder eine festgefügte Bürgerwelt geben werde, wenn die Proletarier dereinst wieder Handwerker würden, wenn die Industrie alles mit Maschinen produziere und keine Arbeiter mehr benötige. Ebenso kommt der Stadt-Landgegensatz zum Ausdruck, wenn das geordnete Landleben idealisiert wird. Es kommt im Schlußplädoyer insgesamt ein Unbehagen in der Moderne zum Ausdruck, so daß man hier erkennen kann, daß die Dolchstoßlüge hier prinzipiell angewandt wird gegen die neuen Kräfte der industrialisierten Massengesellschaft. Der Titularprofessor Cossmann ist ein Vertreter des Bildungsbürgertums des neunzehnten Jahrhunderts, der anders als Thomas Mann, nicht zu einem Überdenken der alten Positionen bereit war und stattdessen sich der verleumderischen Hetze der Rechten anschloß, und dies, obwohl mittlerweile die Dolchstoßlegende in ihrem Facettenreichtum auch durchtränkt war von Judenhetze. Beide, Petzold als auch Rudolph, weisen auf die tragische Ironie der weiteren Ereignisse in Cossmanns Lebenslauf hin, der als Jude 1942 im Konzentrationslager vernichtet wurde.

Literaturhinweise