1. Reichstag, Weimarer Republik


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Reichstag. - 302. Sitzung. Freitag den 16. Februar 1923

Seite 269

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302. Sitzung. [i]


Präsident: In der wiedereröffneten Beratung der fortdauernden Ausgaben hat das Wort der Herr Abgeordnete Wulle.1

Wulle, Abgeordneter: Meine Damen und Herren! Der völkisch gesinnte Staatsbürger ist heute tatsächlich in den meisten deutschen Ländern gänzlich rechtlos geworden.2

(Lebhafte Zustimmung bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Umso besser aber geht es allen Ausländern, die sich in Deutschland bewegen dürfen.

(Abgeordneter Malzahn: Jetzt kommen die Juden heran!)

- Ja, die kommen jetzt heran. -

Über die Grenze unseres Vaterlandes schwärmen nach einer Mitteilung des Blattes der nationaldeutschen Juden, das Sie (nach links) ab und zu ruhig einmal lesen können, wie Heuschrecken die Massen des Ostjudentums,

(sehr richtig! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei)

und machen sich in Deutschland in einer Weise breit, daß dieses Blatt der nationaldeutschen Juden schreibt, die Erregung über diese Tatsache eine so allgemeine im deutschen Volke ist, daß sich niemand zu wundern braucht, wenn diese Erregung schließlich einmal bedenkliche Formen annimmt.

(Zurufe links.)

Sehen Sie, meine Damen und Herren: wir haben seit Jahr und Tag vom Ministerium des Innern Statistiken über die Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland verlangt. Wir haben aber solche Statistiken nie bekommen; nur ganz selten einmal hört man einige Zahlen. In einer Sitzung der Berliner jüdischen Gemeinderepräsentanten, daß die ostjüdischen Synagogenvereine in Berlin 2500 Familien umfassen und acht eigene Synagogen haben. Ein Zionist fügte hinzu, daß eine noch viel größere Zahl von Juden, die außerhalb der Vereine stehen, in diesen Synagogenvereinen ihre Vertretung sehen. Ich empfehle Ihnen allen: gehen Sie einmal durch Berlin W und sehen Sie sich die Sieben- bis Zehnzimmerwohnungen an!

(Sehr gut! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Sie können manche Häuser von oben bis unten ablaufen, auf jedem Wohnungsschild finden Sie jüdische Namen.

(Lebhafte Zustimmung bei der Völkischen Freiheitspartei. - Abgeordneter Malzahn: Juden raus!)

- Ich wollte, sie wären draußen.-

(Lachen links.)


1Bd. 358,S.9729A
2S. 9733D

Ich kann Ihnen nur sagen, daß diese Vergewaltigung des deutschen Volkes gerade in der Wohnungsfrage in einer Zeit, in der der Deutsche nicht mehr weiß, wo er sein Haupt hinlegen soll, ein Skandal ist, gegen den eigentlich alle Deutschgesinnten ohne Unterschied der Partei angehen müßten.

(Lebhafte Zustimmung bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Wie ist es denn in Wirklichkeit? Wie müssen die vielen Tausenden von Flüchtlingen aus den verlorenge-gangenen Gebieten sich heute herumdrücken? In welchen Löchern mit einem oder zwei Zimmern sitzen sie zusammengepfercht? Aber in Berlin haben diese Juden ihre Zehnzimmerwohnungen. Die Herren bauen sich dort ihre Villen, kaufen sich Villen. Es ist eine wahre Pracht, zu sehen, wie dieses Volk gedeiht unter dem heutigen System,

(sehr richtig! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei)

und das deutsche Volk geht zugrunde unter dem heutigen System.

(Lebhafte Zustimmung und Zurufe bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei: Und die Wolgadeutschen hat man nicht hereingelassen!)

- Ja, die Wolgadeutschen wollte man überhaupt nicht hereinlassen, vor lauter Angst. Das sind ja auch nur Deutsche. Ja, wenn es Juden gewesen wären, dann hätte man ihnen alle Tore geöffnet und sie ins deutsche Vaterland hereingelassen.

(Erneute lebhafte Zustimmung bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Nach einer Mitteilung tschechischer Blätter steht jetzt die Ausweisung aller derer aus Hultschin bevor, die für Deutschland optiert haben, es wird mit der größten Rücksichtslosigkeit gegen sie nach tschechischen Blättermeldungen vorgegangen werden. Ich frage: wo kommen denn nun diese Deutschen, die von dort unter dem Druck der Feinde nach Deutschland einwandern müssen, unter im deutschen Vaterlande? Will die Reichsregierung nicht endlich einmal dafür sorgen: daß für den Deutschen im deutschen Vaterlande Platz geschaffen wird! Wenn wir dann noch Platz übrig haben, gut, dann kann auch der Ausländer bei uns Platz bekommen. Erst aber kommt in Deutschland der Deutsche.

(Lebhafte Zustimmung bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Es wäre außerordentlich wünschenswert, wenn dieser Standpunkt auch der Standpunkt der deutschen Reichsregierung wäre.

(Sehr gut! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Sehen Sie sich bitte einmal der Überfremdung des deutschen Grundbesitzes an. In Friedenau sind vom April bis September 48 jüdische Großaufkäufer von Häusern tätig gewesen.

(Hört! Hört! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei.)

Der Leiter der Wiener Paßstelle hat mitgeteilt, daß er sich die redliche Mühe gibt, nicht den ganzen Janhagel von Schiebern ins Deutsche Reich hereinzulassen; er hat mitgeteilt, daß ein einziger jüdischer Schieber dort an einem Tage 30 Berliner Häuser telephonisch gekauft hat.

(Lebhafte Rufe: Hört! Hört! bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei. - Zurufe von den Kommunisten: Und wer verkauft diese Häuser?)


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